Bankensterben, verschwundene Läden und eine abgerissene Dorfkneipe: Oldenstadt im Wandel

Ein Ort sucht seine Identität

+
Die Volksbank- und Sparkassenfilialen in Oldenstadt sind mittlerweile geschlossen, das Kaufhaus Heers ist heute ein Kiosk.

Uelzen-Oldenstadt. Wenn Gerhard Borrek durch seinen Heimatort spaziert, kommen an jeder Ecke Erinnerungen an seine Kindheit auf.

Der Oldenstädter erinnert sich daran, wie er jeden Tag auf dem Weg zur Schule an den historischen Bauernhöfen der Familien Schütte, auf denen reges Treiben herrschte, vorbeigekommen ist. Wie die Bauern ihre Kühe durch das Dorf bis auf die Wiesen bei der Woltersburger Mühle getrieben haben. Wie er beim Bäcker – einer von damals drei Lebensmittelläden im Ort – Brötchen nach originaler schlesischer Rezeptur gekauft hat.

„Der Bäcker hat sein Rezept leider mit ins Grab genommen“, erzählt Borrek. Doch wenn man heute einen alten Oldenstädter danach fragt, wisse der genau, wie die Brötchen geschmeckt haben. Der 60-Jährige erinnert sich daran, wie er mit seiner Mutter im Kaufhaus Heers mitten im Ortskern Kleidung und Spielsachen gekauft hat, und Fleisch beim benachbarten Schlachter. Wie um den Mühlenteich herum der Fischmarkt stattfand – ein großes Fest, zu dem Händler aus Hamburg angereist sind. Oder wie zur Mittagszeit die Angestellten der Kreisverwaltung, die ihren Sitz bis 1959 in Oldenstadt hatte, im Konstantini-Hof, dem örtlichen Gasthaus mit großem Saal, eingekehrt sind.

Die Entwicklung, die Oldenstadt in den letzten Jahrzehnten durchmacht, ist exemplarisch für viele kleine Ortschaften: Alte Bauernhöfe werden zu Wohnhäusern umgebaut. Dorfkneipen und kleine Läden verschwinden, die Fahne hält der Oldenstädter Kaufmannsladen hoch, der Senioren die Lebensmittel noch nach Hause liefert. „Darum wollen wir den Kaufmannsladen unbedingt halten“, betont Ortsbürgermeister Klaus Knust. Gegen einen Discounter in unmittelbarer Nähe wehre man sich im Ortsrat vehement. „Alles, was getan werden kann, tun wir.“

Wenn Borrek heute durch die Straßen geht, ist sein Blick oft besorgt, denn er befürchtet: „Oldenstadt verliert seine Identität!“ Gegen manche Entwicklungen, glaubt der Ortsbürgermeister, könne man eben wenig tun, wie dass Kreditinstitute aus den Dörfern verschwinden. In deren goldener Zeit entstanden – wie in Oldenstadt – große Filialen, das Kaufhaus Heers wanderte in den Anbau daneben. Geblieben ist ein kleiner Kiosk, und ein Automat zum Geld abheben.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wird aktuell der Postillion abgerissen, der Konstantini-Hof ist schon lange ein Wohnhaus. „Der Postillion war bautechnisch sicher nicht wertvoll“, sagt Borrek. „Aber die Geschichte hinter seinen Mauern wäre es wert gewesen, ihn zu erhalten.“

Früher tagten im Postillion der Ortsrat und die Schützen, derzeit wird das Stück Oldenstädter Geschichte abgerissen.

Einst tagten im Postillion der Ortsrat oder die Schützen, und dort wurde 1975 die Entscheidung getroffen, einen Fußballverein zu gründen. Ironie des Schicksals, dass der FC Oldenstadt vielleicht einer der Gründe dafür ist, dass sich das Ortsleben zuletzt nicht mehr im Postillion abgespielt hat. „Die Schankerlaubnis des Fußball- und des Tennisvereins war der Sargnagel für die Dorfkneipe“, vermutet Borrek.

Der Ortsbürgermeister räumt ein, dass das ein Problem sei, dass man so nicht bedacht habe. „Aber die Gesellschaft und die Interessen der Menschen verändern sich“, ist sich Knust sicher. Es sei einfach nicht mehr üblich, abends zum Klönen in die Ortsgaststätte zu gehen. „Es ist überall so, dass die Dorfkneipen keine Überlebenschance mehr haben. Aber die Orte entwickeln sich weiter.“ So seien die ärztliche Versorgung, die gute Busanbindung an Uelzen und die Wohnqualität die Dinge, auf die man im Interesse der Bewohner im Ortsrat Wert lege.

Dazu gehört laut Knust auch die Aufwertung des Oldenstädter Sees. Doch die betrachtet Borrek mit Sorge. „Der Kiosk wird aufgewertet“, erklärt er, „aber die Grundlage, dass man im See schwimmen kann, fällt unter den Tisch“. Der See muss laut Borrek mal wieder ausgebaggert werden, wie man es früher bereits getan habe. „Sonst hat man irgendwann einen Tümpel mit einer 100 000-Euro-Toilettenanlage.“

Auch mit dem Denkmalschutz wird viel zu leichtfertig umgegangen, findet Borrek. Als Beispiel nennt er die in ihrem jetzigen Erscheinungsbild über 100 Jahre alte Wehranlage. Der Ortsrat hat jüngst entschieden, den Denkmalschutz für das Wehr zugunsten eines Raugerinne-Beckenpasses aufzuheben. Sicher müsse man finanzielle Aspekte berücksichtigen. „Doch das ist zu kurzfristig gedacht. So eine Wehranlage kommt nie wieder.“ Ihn als alten Oldenstädter mache das alles „sehr traurig.“

Von Sandra Hackenberg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.