Erika Reinke aus Bienenbüttel fand mit Hilfe des Roten Kreuzes ihre Familie

Die Suche nach den Eltern

Flüchtlinge warten 1945 in Berlin auf ihren Abtransport. Rund zwölf Millionen Deutsche waren im Zweiten Weltkrieg auf der Flucht, schätzen Historiker. Foto: dpa

Uelzen. Die verzweifelte Suche nach dem Kind hat an den Nerven gezerrt: Ohne die Hilfe des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) hätten die Eltern von Erika Reinke, Vorsitzende des Bienenbütteler DRK-Ortsvereins, sie wohl niemals wiedergefunden.

Ebenso wie rund 500 000 andere Kinder, die am Ende des Zweiten Weltkriegs von ihren Verwandten getrennt wurden. Acht mühsame Jahre lang bleibt die getrennte Familie von Erika Reinke im Ungewissen. Bis sie nach der Flucht aus Ostpreußen mit ihren Eltern wieder zusammentrifft, ist sie 16 Jahre alt.

Februar 1945: Erika Reinke verlässt im Alter von vier Jahren mit ihrer Mutter und drei jüngeren Geschwistern ihren Heimatort Karben in Ostpreußen. Das Jüngste der Kinder ist vier Monate alt. Auf dem Weg nach Westen wird deren Mutter von den vier Kindern getrennt und nach Russland verschleppt. Die Kleinen bleiben in einem Dorf zurück, werden von fremden Menschen aufgenommen. Die drei jüngeren Geschwister von Erika Reinke überleben die nächsten Monate nicht.

1946: Erika Reinke wird in einem polnischen Waisenhaus in Lidzbark (deutsch: Heilsberg) aufgenommen und trifft dort Kinder mit ähnlichen Erlebnissen: „Wir sind wie Geschwister aufgewachsen“, erinnert sich Reinke. „Bis 1952 haben wir uns nie vorstellen können, dass wir zu unseren Eltern zurückfinden.“

Erika Reinkes Vater gerät in der Zwischenzeit in englische Gefangenschaft. „Es war für die damalige Zeit eine typische Situation in vielen, vielen deutschen Familien“, weiß Reinke. Von der Insel heraus beginnt er, seine Familie zu suchen. Er nimmt Kontakt zu seiner Schwester in Berlin auf. Diese Tante von Erika Reinke folgt dem Aufruf des DRK-Suchdienstes und meldet die Suche nach ihren vermissten Verwandten an.

1947: Die Tante erhält daraufhin die Nachricht, dass Erika Reinkes Mutter im Internierungslager in Sibirien ist. Von den Kindern weiß niemand etwas. Im selben Jahr wird der Vater aus englischer Gefangenschaft entlassen.

1948: Erika Reinke zieht in ein anderes Waisenhaus um. „Im Nachhinein kann ich nicht sagen, dass ich darunter gelitten haben, im polnischen Kinderheim aufzuwachsen“, betont sie. Ihre Mutter kommt ebenfalls aus der Gefangenschaft heraus und findet Erikas Vater wieder. Gemeinsam suchen sie ihre Kinder – und erneut kommt der Suchdienst ins Spiel. In Deutschland sind sie erfolglos, in Polen ist die Suche schwierig.

1949: Erika Reinke geht nach Pasym (deutsch: Passenheim), dort besucht sie ein Lyceum. Sie erhält den neuen Vornamen Irene und es wird ihr ein Geburtsdatum zugewiesen. Ihre Eltern erfahren unterdessen vom DRK-Suchdienst, dass die drei Jüngsten verstorben sind. Wo sich die Älteste aufhält, bleibt weiterhin unbekannt.

1952: Geschafft. Nach vier Jahren Suche erhalten Erika Reinkes Eltern Nachricht von der Kreisverwaltung Olsztyn (deutsch: Allenstein), dass sie dort in der Nähe in einem Kinderheim lebe. Das DRK arbeitet daran, die Ausreise nach Deutschland zu ermöglichen. „Es sah so aus, als ob ich nie ausreisen dürfte“, sagt Reinke.

Währenddessen versucht der Suchdienst über den Kontakt zu der 12-Jährigen mehr über weitere verschollene Kinder herauszufinden. Einige der Gesuchten wohnen im selben Heim wie Erika Reinke, stellt sie damals fest.

1956: Erika Reinke darf zu ihren Eltern ausreisen. Sie erreicht Friedland, wird mit einem Taxi abgeholt und zu ihren Eltern nach Eitzen I gebracht, in ihr neues „Zuhause“.

Nach elf Jahren Trennung hat sie sich verändert, weiß sie. In Polen hatte die Jugendliche große Chancen auf dem Lyzeum. Sie sprach fließend Polnisch, Deutsch war verboten. Nach der Ankunft in Deutschland musste sie die hiesige Sprache lernen und sich ihren Bildungsweg neu aufbauen. Mit ihren Eltern spricht sie russisch, ein pensionierter Lehrer aus Ebstorf bringt ihr mit Hilfe von Grimms Märchen Deutsch bei.

1989: Der eiserne Vorhang ist gefallen, die Archive werden geöffnet. Die Mutter von Erika Reinke benötigt erneut den DRK-Suchdienst. Denn nach ihrer Ankunft 1948 aus der Internierung waren ihr die Entlassungspapiere abgenommen worden, so dass sie nirgends nachweisen konnte, wo sie sich zwischen 1945 und 1948 aufgehalten hat.

2001: Der Suchdienst in München beantwortet eine Anfrage des Landkreises Uelzen. Darin wird bescheinigt, dass die Mutter von Erika Reinke zwischen 1945 und 1948 in zwei Frauenlagern in Swerdlowsk gelebt hat.

Von Diane Baatani

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