„Der stirbt gerade – oder?“

Uelzen: Streit um angeblich gestohlenes Fahrrad endet mit Tod eines 27-Jährigen – und Freispruch

Die Kammer unter Vorsitz von Richter Franz Kompisch kommt zu dem Ergebnis, dass der 37-Jährige in Notwehr zugestochen hat. Verurteilt wird er wegen des Besitzes und Führens eines Butterfly-Messers.
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Die Kammer unter Vorsitz von Richter Franz Kompisch kommt zu dem Ergebnis, dass der 37-Jährige in Notwehr zugestochen hat. Verurteilt wird er wegen des Besitzes und Führens eines Butterfly-Messers.

Uelzen/Lüneburg – Die Nacht ist angebrochen, und für S. ist der Tag, den er am Uelzener ZOB zugebracht hat, eigentlich gelaufen. Bekannte begleitet er nach Hause, entscheidet sich dann doch noch einmal, am ZOB vorbeizuschauen. „Eine dumme Idee“, wie der 37-Jährige heute mit Abstand sagt.

Gegen 23.10 Uhr sticht S. bei einer Auseinandersetzung mit einem Butterfly-Messer drei Mal auf einen 27-Jährigen ein. Mit einem Stich wird das Herz verletzt, mit einem anderen die Lunge. Die zugefügten Wunden sind so schwer, dass der 27-Jährige wenige Tage später im Krankenhaus stirbt.

Das Landgericht in Lüneburg bewertet die Messerstiche als Notwehr, spricht am Dienstag S. vom Vorwurf des Totschlags frei. Verurteilt wird er wegen des Besitzes und Führens des Butterfly-Messers, mit dem zugestochen wurde. Es war ein Geschenk der Exfreundin, lässt der 37-Jährige das Gericht wissen. Den Verstoß gegen das Waffengesetz ahndet das Gericht mit 90 Tagessätzen á zehn Euro.

Es ist nichts Weltbewegendes, das zu dem Streit im Oktober führt. Ein Zeuge sagt im Gericht: „Es ging doch nur um ein Scheiß-Fahrrad“. Das soll S. gestohlen haben – wenige Wochen vor diesem schicksalhaften Herbstabend. S. bestreitet im Prozess, das Fahrrad an sich genommen zu haben. „Zu dieser Zeit ging ich an Krücken, ich konnte es gar nicht geklaut haben“, sagt S.

Der 27-Jährige ist aber anderer Auffassung, auch ein Kumpane ist sich sicher: S. hat das Rad genommen. Als es an diesem Abend am ZOB zum Aufeinandertreffen kommt, äußern die Beiden ihren Verdacht, fordern von S. das Rad zurück. S. beschreibt den 27-Jährigen vor Gericht als „aggressiv“ an diesem Abend. Rück das Fahrrad raus, habe er gerufen. Dann habe der 27-Jährige ihn am Hals gepackt, „mich aber nicht gewürgt.“

Was dann passiert, dazu gibt es unterschiedliche Versionen. S. erklärt vor Gericht, der 27-Jährige habe ihm eine Flasche über den Kopf gezogen, die dabei zerbrach. Scherben am Tatort legen nahe, dass es sich um ein Waldmeister-Schnapsgemisch handelte. Polizeibilder vom Abend zeigen eine Rötung am Kopf von S. An der Nase hat er eine blutende Wunde.

Vor Gericht gehörte Zeugen erklären indes, besagte Flasche sei schon vorher vom 27-Jährigen auf den Boden geworfen worden und er sei mit einer Glasscherbe auf S. losgegangen. Aber die Zeugen wollen auch nicht alles gesehen haben oder können sich nicht mehr genau erinnern.

Die glaubwürdigste Aussage sieht das Gericht noch in den Ausführungen des Angeklagten, auch wenn dieser nach eigenen Angaben am besagten Abend „Speed im benachbarten Parkhaus“ konsumiert hatte. Er hat aber zu keinem Zeitpunkt die Tat geleugnet, zeigt sich vor Ort noch vom Geschehenen erschüttert, wie eine Polizistin aussagt.

Als Rettungssanitäter den 27-Jährigen am ZOB reanimieren, hat S. wohl mehrfach gefragt: „Der stirbt gerade – oder?“ S. wird festgenommen, die Zeit bis zur Verhandlung bringt er in der JVA zu.

Als das Gericht am Dienstag zu dem Ergebnis gekommen ist, dass der Schlag mit der Flasche ein „rechtswidriger Angriff“ war und er in Notwehr zugestochen habe, bekreuzigt sich S. Ins Gefängnis muss er nicht zurück.

Unklar bleibt, ob das Fahrrad tatsächlich gestohlen wurde.

VON NORMAN REUTER

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