Tatvideos vom Bahnhof Uelzen als Beweismittel

Strafrichter greift zur „Notbremse“: Uelzener muss Alkohol-Entzug machen

Der Hundertwasser-Bahnhof in Uelzen
+
Im Hundertwasser-Bahnhof hatte der Angeklagte im November 2019 einen Mann aus Hannover massiv verletzt. Am Ende eines zweitägigen Prozesses wurde gegen ihn die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt angeordnet.
  • Lars Becker
    vonLars Becker
    schließen

Es ist vielleicht die letzte Chance, sein hartes Leben noch einmal in halbwegs geordnete Bahnen zu lenken: Ein mehrfach straffällig gewordener 35-Jähriger aus Uelzen muss seine Alkoholsucht therapieren lassen

Uelzen – Strafrichter Jacobs hat am Mittwoch gegen einen mehrfach einschlägig vorbestraften 35-Jährigen aus Uelzen eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten und zwei Wochen verhängt sowie wegen dessen Hanges zum Alkohol und entsprechender Gefährlichkeitsprognose eines Sachverständigen die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt angeordnet. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der bei Uelzener Polizeibeamten teilweise schon seit 17 Jahren bekannte Mann wurde wegen tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte in drei Fällen sowie wegen gefährlicher und vorsätzlicher Körperverletzung verurteilt. Jacobs: „Das waren vier ganz erhebliche Straftaten, aber auch kein Standardfall.“

Stiefvater und Mutter wegen Misshandlung verurteilt

Damit spielte der Strafrichter darauf an, dass der Angeklagte bereits im Alter von nur 13 Monaten derart massiv misshandelt worden war, dass er ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatte. Sein Stiefvater war deshalb 1989 auch zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt worden, die Mutter zu einer Jugendstrafe. Beide hatten die Verletzung damals als Sturz aus dem Bett kaschieren wollen.

Durch diese Misshandlung („Man hat mir gesagt, dass ich gegen die Wand geworfen wurde“) trug der Mann erhebliche, dauerhafte Schädigungen davon. Er ist zu 80 Prozent schwerbehindert, arbeitsunfähig und leidet bis heute an Krampfanfällen. Sein IQ liegt im unterdurchschnittlichen Bereich, nach neun Jahren sonderschulischer Ausbildung scheiterte er mit einem berufsvorbereitenden Jahr.

Das sagt der psychiatrische Gutachter

Nachdem der Mann, der nach Angaben der Polizeibeamten der Bahnhofs-Klientel zuzurechnen ist, es „aus Liebe“ weg vom Alkohol geschafft hatte, war offenbar das Ende der langjährigen Beziehung 2019 der Auslöser dafür gewesen, dass er zurück in die Alkoholsucht gedriftet und nach Verurteilungen aus 2009, 2015 und 2016 neben seiner „großen Klappe“, wie es ein Polizist ausdrückte, auch strafrechtlich auffällig geworden war.

Der psychiatrische Gutachter Dr. Reiner Friedrich aus Lüneburg sprach nach zweitägiger Beweisaufnahme mit neun Zeugen und einem Nebenkläger aus Hannover von einem hirnorganischen Psychosyndrom. Dieses führe im Zusammenspiel mit der Alkoholabhängigkeit dazu, dass der Mann impulsiv auf Reize reagiere und erheblich in seiner Steuerungsfähigkeit eingeschränkt sei. Im Ergebnis waren sich alle Prozessbeteiligten einig, dass der Angeklagte bei Begehung seiner Straftaten vermindert schuldfähig war.

Mann greift geistesgegenwärtig zum Handy und filmt

Im November 2019 hatte er einem heute 30-Jährigen im Anschluss an einen verbalen Streit in der Uelzener Bahnhofshalle einen heftigen Kick mit dem Knie und einen Kopfstoß versetzt. Das wie der Täter massiv alkoholisierte Opfer, das als Nebenkläger auftrat, erlitt dabei massive Verletzungen. Ein Mann aus Ebstorf hatte damals unter dem Eindruck eines tödlichen Messerstiches am gleichen Ort nur drei Wochen zuvor die Szene auf dem Weg ins Kino mit dem Handy gefilmt. Dieses Video wurde ebenso als Beweismittel vorgeführt wie zwei weitere Videos aus Überwachungskameras vor und im Bahnhof.

Am 3. März 2020 hatte sich der Beschuldigte in der Bahnhofstraße in Bad Bevensen vehement verbal und körperlich gegen einen Platzverweis und die Ingewahrsamnahme in Uelzen gewehrt, einem Polizisten mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Dann am 16. April 2020 hatte er in der Obdachlosenunterkunft Im Böh ebenfalls Polizeibeamte attackiert. Zwei weitere angeklagte Taten wurden eingestellt. „Die Entziehungsanstalt ist eine erhebliche Freiheitseinschränkung, ich tue das nicht leichtfertig. Aber ich sehe die Gefahr, dass so etwas wieder passiert. Das will ich nicht verantworten“, sagte Richter Jacobs.

Eine junge Frau aus Bienenbüttel, die wegen der Vorfälle am Bahnhof mit angeklagt war, kam nach Abtrennung ihres Verfahrens mit einer Verwarnung samt Geldauflage davon.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare