AUS DEM GERICHT: Mutmaßliches Opfer erinnert sich nur bruchstückhaft an Übergriffe

Stieftochter sagt im Missbrauchsprozess aus

Der 72-jährige, ehemalige Polizist steht im Verdacht, seine beiden Stieftöchter missbraucht zu haben. ArchivFoto: Reuter
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Der 72-jährige, ehemalige Polizist steht im Verdacht, seine beiden Stieftöchter missbraucht zu haben. ArchivFoto: Reuter

Lüneburg – Es herrscht Stille, als die Zeugin den Saal betritt. Zielstrebig geht sie auf den Zeugenstuhl zu, ein leichtes Lächeln ist zu erkennen.

Wenig deutet darauf hin, unter welcher Anspannung die junge Frau steht – gestern wird im Landgericht Lüneburg der Prozess gegen ihren mutmaßlichen Peiniger fortgesetzt. Der heute 72-jährige Angeklagte soll im Zeitraum von 2008 bis 2013 die beiden zu der Zeit minderjährigen Töchter seiner Lebensgefährtin und späteren Ehefrau missbraucht haben. „Es ist unglaublich schwer, darüber zu reden“, betont die ältere der beiden Stieftöchter im Zeugenstand. Während ihrer mehrstündigen Aussage schweigt der Angeklagte und meidet den Blickkontakt.

Laut der Zeugin haben sich die leiblichen Eltern 2004 getrennt, worunter sie sehr gelitten habe. Eine folgende Therapie brach sie ab, fing an, sich selbst zu verletzen. „Ich hatte keine Kraft mehr zu leben“, erzählt die Zeugin, die laut eigener Aussage zudem ein schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter hat. 2005 folgte der Umzug in eine Wohnung mit Mutter, Schwester und Angeklagtem.

An den genauen Zeitpunkt, wann ihr Stiefvater sie das erste Mal missbraucht habe und wie oft es dazu kam, könne sie sich nicht mehr erinnern. Nach mehreren Nachfragen durch Richter Thomas Wolter gibt die Zeugin an, sich nur an zwei Situationen konkret erinnern zu können. Eine 2008 beim Lesen von Sportnachrichten am Computer, wo die Zeugin auf dem Schoß des Angeklagten gesessen habe. Die zweite 2009 beim Schauen eines James-Bond-Films auf dem Sofa. Angeklagt ist der Stiefvater in sieben Fällen.

„Mein Kopf ist absolut leer. Wie Watte“, sagt die Zeugin, die mehrmals ihre Nervosität betont. Aufgrund der traumatischen Erlebnisse könne sie sich nur bruchstückhaft an die Vorkommnisse erinnern.

Auf Widersprüche zu vorherigen Aussagen im polizeilichen Bericht geht die Verteidigerin des Angeklagten Silke Jaspert ein. So recherchierte sie zwei Daten, an denen im fraglichen Zeitraum Bond-Filme liefen. Mithilfe eines Familienkalenders gab Jaspert an, dass der Angeklagte an einem der Tage in Norwegen gewesen sei, während am anderen Tag die Mutter zu Hause gewesen sei. Dies hatte die Zeugin, die erneut auf ihre ungenaue Erinnerung verweist, zuvor ausgeschlossen.

Gestern sollte zu einem späteren Zeitpunkt auch die jüngere der beiden Stieftöchter aussagen. Der Prozess wird morgen um 9.30 Uhr fortgesetzt. dab

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