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Sternenkindfotograf aus Uelzen berichtet: „Schenke Eltern eine Erinnerung“

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Von: Norman Reuter

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Christoph Paul hat sich einer Aufgabe angenommen. Ist Fotograf von Sternenkindern. „Solche Bilder können einen Trauerprozess begleiten“, sagt er.
Christoph Paul hat sich einer Aufgabe angenommen. Ist Fotograf von Sternenkindern. „Solche Bilder können einen Trauerprozess begleiten“, sagt er. © Privat

Ehrenamtliche fotografieren verstorbene Babys. Solche Aufnahmen können bei der Trauerarbeit helfen. Christoph Paul ist einer dieser Fotografen. Der Uelzener sagt, er schenke den Eltern eine Erinnerung.

Uelzen – Es ist einer der Klänge, die Handys von sich geben, wenn Nachrichten eintrudeln oder neue Versionen eines aufgespielten Programms bereitstehen. Dieser eine, besondere Ton erzählt davon, dass ein Kind gestorben ist. Christoph Paul blickt aufs Display. „Ein neuer Einsatz“, sagt der 33-Jährige mit ruhiger Stimme.

Paul ist in seiner Freizeit in der Feuerwehr der Hansestadt Uelzen aktiv, er trainiert für einen Triathlon im Juni. Und er fotografiert. Vor allem Hochzeiten. Dort trifft er verliebte Paare und fröhliche Menschen, die einen glücklichen Moment erleben.

Mit der Kamera in der Tasche fährt Christoph Paul aber auch los, um – wie er es ausdrückt – Eltern „eine Erinnerung zu schenken“. Er gehört zu einem Kreis von Ehrenamtlichen, die auf Wunsch von Eltern deren verstorbene Kinder fotografieren.

Mancher mag bei dem Gedanken an Aufnahmen von Totgeburten und verstorbenen Babys stutzen. „Solche Bilder können einen Trauerprozess begleiten“, sagt Christoph Paul.

2020 hat er sich dieser Aufgabe angenommen – angestoßen aus einem sehr persönlichen Grund: Seine Frau und er verloren selbst ein Kind.

Paul erinnert sich, in dieser Phase habe er damit begonnen, über Sternenkindern, so werden verstorbene Babys bezeichnet, zu lesen. Dabei stieß er auf die Stiftung „Dein Sternenkind“, und den Kreis der Sternenkindfotografen.

„Ich will nicht sagen, damit verarbeite ich den eigenen Verlust. Es ist ein kleiner Schritt, damit umzugehen“, erklärt Christoph Paul. Und: Er habe seinerzeit so viel Zuspruch und Unterstützung erfahren. „Ich habe das Gefühl: Ich kann auf diese Weise etwas zurückgeben.“

Seine ehrenamtliche Arbeit hat, wie der 33-Jährige findet, aber nicht nur die persönliche, sondern auch eine gesellschaftliche Komponente. Über seine Aufgabe als Sternenkindfotograf spricht er offen, erwähnt dies auch in Beiträgen in sozialen Medien. „Der Tod ist ein Tabu-Thema“, sagt der Uelzener. Über ihn werde nicht oder nur verschämt gesprochen. Das gehöre aufgebrochen, meint Christoph Paul. Mit seiner Arbeit zeigt er: Der Tod gehört zum Leben.

Dass Kinder gar nicht erst das Licht der Welt erblicken oder bei der Geburt sterben – „das passiert“, sagt der 33-Jährige. In solchen Fällen und wenn von den Eltern gewünscht, macht er sich auf den Weg. Die Meldungen laufen über eine App auf seinem Handy ein. Es erklingt eben jener Ton, von dem schon die Rede war.

In der Nachricht ist der Einsatzort vermerkt und die Dringlichkeit. Und: Ein Name, wenn vorhanden. Ist es ihm zeitlich möglich, zu fotografieren, Christoph Paul arbeitet als Verwaltungsangestellter beim Gebäudemanagement des Kirchenkreises, kann er das über die App bestätigen.

„Uelzen, Lüneburg, Celle, Salzwedel, Winsen, das sind Einsatzorte“, so Christoph Paul. Einschlagdecken hat er dabei, denn steril soll das Foto nicht sein. Mit Makrolinsen für die Kamera kann er Details wie ein Füsschen oder eine Hand im Bild festhalten.

„Der Moment, wenn überhaupt, den die Eltern mit dem Kind hatten, war kurz“, so Paul. Bilder im Kopf mögen verblassen, aber mit den gemachten Aufnahmen hielten sie einen bleibenden Beweis in den Händen: Da war ein Mensch, dem leider kein Leben vergönnt war.

Den Eltern werden die entwickelten Bilder in einem Paket zugeschickt, Paul legt ihm ein Schreiben mit persönlichen Worten bei. Vorab informiert er die Eltern, dass das Paket auf den Weg ist, damit es sie nicht unvorbereitet erreicht.

Das alles klingt nach bewährten Strukturen, nach Routine, die keine ist. Nie. „Mit klopfenden Herzen fahre ich ins Krankenhaus“, sagt Paul. Er wisse nicht, was auf ihn zukomme. Die Aufgabe, der er sich stellt, kann belastend sein. Wenn es ihm nach solchen Einsätzen nicht gut gehe, setze er sich aufs Rad, sagt er. „Dann fahre ich stumpf.“

Oder er setzt sich, Paul ist inzwischen Vater von zwei Mädchen, vier und eineinhalb Jahre alt, ins Schlafzimmer zu seinen Töchtern. Dann ist er dankbar. Paul: „Ich weiß, ein solches Glück als Vater zu haben, ist nicht selbstverständlich.“

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