Ein Stein als Anstoß

Die Wochenrevue von Marc Rath Vorweg: Es gibt wahrlich Wichtigeres in diesen Tagen als Straßennamen. Und dennoch: Die Diskussion über die Farina- und Seebohmstraße in dieser Stadt war und ist richtig. Sie ist eine Auseinandersetzung mit den Wurzeln unserer Gemeinschaft.

Es wird am Montag im Stadtrat eine knappe Entscheidung geben, ob dem ehemaligen Bürgermeister beziehungsweise langjährigen Verkehrsminister weiterhin diese Ehre gebührt. Die Diskussion im Kulturausschuss am Donnerstag war eine der Sternstunden in dieser Wahlperiode. Das ist zuvörderst ein Verdienst von Bürgermeister Otto Lukat. Das Stadtoberhaupt hat – und dies wird er wohl am Montag im Rat noch einmal vor einer hoffentlich größeren Öffentlichkeit tun – knapp aber differenziert das Wirken beider Männer eingeordnet und die Entscheidung der damaligen Verantwortlichen bei den Namensvergabe skizziert. Er hat seine eigene Entscheidung für eine Umbenennung vor dem Hintergrund seiner sozialdemokratischen Vita begründet und den Respekt vor jenen signalisiert, die aus ihrer Biografie heraus andere Schlüsse ziehen. Dafür gab es zu Recht Beifall von allen Ausschussmitgliedern –  auch von jenen, die zu einem anderen Urteil kommen.

Es war ein Stil, der in der Diskussion mitunter zu kurz gekommen ist. Dazu trug die zunächst unentschlossen wirkende Positionierung in der Politik bei. Daran hat aber auch die Initiative „Keine Nazi-Straßen“ ein gewichtigen Anteil. Ihr mitunter polarisierender Stil hat eher Gräben aufgerissen, denn Brücken gebaut. Negativer Höhepunkt war Eckehard Niemanns unnötige Sprayaktion. Für diese Dummheit musste er bei den A-39-Gegnern zu Recht Konsequenzen ziehen.

Welche Konsequenzen hat aber die gesamte Debatte? Auch „im Interesse des Rufs und der politischen Kultur in Stadt und Kreis Uelzen“ haben in diesen Tagen fast 100 Menschen öffentlich an den Stadtrat appelliert, beide Straßen umzubenennen. Es deutet sich eine differenzierte Entscheidung an. Eine, bei der nicht das Etikett Gut oder Böse oder gar Nazi-Beschimpfungen angebracht sind. Dass die Debatte heute anders verläuft als vor 50 oder 30 Jahren und dass sie in 20 oder 30 Jahren noch unter ganz anderen Blickwinkeln geführt werden dürfte, gehört zum unabänderlichen Perspektivwechsel bei der Betrachtung und Bewertung historischer Ereignisse – und schließt bei einer neuen Entscheidung mitnichten ehrbare Motive der Entscheidungsträger und Verdienste der Geehrten aus.

Vielleicht gelingt es dem Rat im Rahmen dieser kontroversen Debatte am Montag auch ein gemeinsames Signal zu senden. Dafür eignet sich die Aktion Stolpersteine: In mehr als 500 Orten in Deutschland erinnern die mit Namen versehenen Messingsteine an die lokalen Opfer des Nazi-Regimes. Es wäre ein Zeichen, wenn auch Uelzen ohne langwierige Beratungen dieser Aktion beitritt. Etwa als Initiative, die von Ratsmitgliedern und der Bürgerschaft getragen wird und so die leere Stadtkasse nicht belastet. Es gibt nichts Gutes – außer man tut es: Dies soll nicht nur ein gedanklicher Anstoß sein, es ist auch die Zusage für den ersten Stein.marc.rath@cbeckers.de

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