Roboter reparieren per Fernsteuerung die Kanalisation Uelzens

Spachteln, wo die Sonne nicht scheint

Die beiden Spachtelkellen, die im Kamerabild des Roboters zu sehen sind, dichten eine Muffe zwischen zwei Kanalsegmenten ab. Rechts im Bild ist zu sehen, wie das Epoxidharz aus dem Spachtelarm quillt, um dann von der Kelle verteilt zu werden.

Uelzen. Lecker Vanilleeis. So sieht die Masse aus, die der Kanalsanierer Steffen Hendrich anrührt. Aber das Zeug ist giftig und klebrig und gehört dahin gesteckt, wo die Sonne nicht scheint – in die Kanalisation Uelzens.

Weil das ein ekliger Prozess ist, wird dafür ein Roboter sorgen.

Die Creme besteht aus Epoxidharz, einem Zweikomponentenkleber. Er soll genutzt werden, um Risse oder Löcher in dem Kanalnetz Uelzens abzudichten.

Starposition des Kanalroboters: Die Gefährte sind schlank genug, um in die Rohre vorzudringen. Fotos: Hasse

Wenn früher der Kanal verstopft war, galt: „aufbuddeln, nachschauen“. So schildert es Matthias Rump, Bauingenieur der Stadtentwässerung. Mittlerweile geht das leichter: Die Stadt beauftragt dafür ein Unternehmen, das über Roboter verfügt. Diese Roboter sehen ein wenig aus wie ein Torpedo auf vier Rädern. Sie sind schlank genug, um in die Kanäle zu passen und kurz genug, um etwas geneigt durch einen Gully herabgelassen zu werden. In ihrem vorderen Mittelpunkt hat ein Roboter eine Spindel, auf die wie bei einem Akkuschrauber oder einer Handfräse unterschiedliche Werkzeuge aufgesetzt werden können. Der Roboter fährt ferngesteuert zu seinem Bestimmungsort im Kanal, das Werkzeug auf seiner Spindel verrichtet dann die Arbeit. Schäden können beispielsweise Risse sein oder von Wurzelwerk durchwachsene Verbindungsmuffen zwischen den einzelnen Kanalsegmenten. Aufbuddeln, den Verkehr behindern und nachschauen ist so nur noch selten nötig. Ein Mediziner würde vermutlich von einem „minimal-invasiven Eingriff“ wie bei Gefäßoperationen sprechen. Das System ist grob dasselbe.

„Wir hatten mal einen Fall“, sagt Matthias Rump, „bei dem eine Gabel ins Abwasser gekommen ist und sich am Spalt bei einer Muffe verhakt und aufrecht hingestellt hat. Alles, was danach kam, hat sich dann gestaut“. Der Roboter musste kommen und die Gabel wegfräsen.

Vor Ort sieht der Kanal recht ruhig aus. Gelegentlich schwimmt Unaussprechliches vorbei, aber es bleibt bei einem Rinnsal im Kanal an der Oldenstedter Straße, Ecke Osterstraße. „Morgens um sieben Uhr oder abends nach der Tagesschau sieht das schon anders aus“, sagt Rump.

Hier vor Ort gilt es, eine Muffe neu abzudichten, Wurzelwerk hatte sich durch die bisherige Abdichtung gefressen und war in den Kanal gedrungen. Nachdem die Wurzeln weg gefräst wurden, hat Steffen Hendrich die – Vanilleeis-ähnliche – Spachtelmasse angerührt, die mit einem Spachtel-Aufsatz an einem Roboter befestigt wird. Im Bauwagen sitzt Hendrichs Kollege Roger Krippner und steuert den Roboter von einem Monitor aus. Der Rest sieht aus wie ein Videospiel über das Malerhandwerk. Gelegentlich schwimmt etwas durch den Kanal und versperrt die Sicht, und natürlich „klebt das Zeug immer da, wo es nicht kleben soll und umgekehrt“, sagt Krippner, der die Technik ein wenig knurrig hin und her dirigiert. Im Wagen ist es recht gemütlich: Neben seinen Anzeigen dringt Musik aus einem Autoradio, in einem anderen Wagen gibt es einen Kühlschrank und einen Pin-Up-Kalender.

Bis zum frühen Winter werden die Männer noch mit solchen Arbeiten im Uelzener Stadtgebiet unterwegs sein. Sie stammen von der Firma Geiger aus dem Oberallgäu. Krippner und Hendrich, beides Männer in ihren Vierzigern, sind für diese Zeit in einem Gasthaus auf dem Dorf untergebracht. Die beiden sehen sich öfter als ihre Ehefrauen, müssen als Kollegen funktionieren und – ohne es sich ausgesucht zu haben – viel Zeit wie Freunde verbringen. Das ist nicht immer leicht. Und dass das Bier, vor allem das Weizen, in Norddeutschland nix ist, das ist mal klar.

Nach dem Einsatz fischen die Männer ihre Roboter aus dem Gully. Dafür benutzen sie eine Kette, die mit einem Karabinerhaken in einer Halterung am Roboter einschnappt. Allein an den Kabeln können sie die Roboter nicht aus dem Kanal herausheben – die Roboter wären mit ihren etwa 70 Kilo zu schwer für die Kabel. Sobald sie am Tageslicht sind, spritzt Steffen Hendrich sie mit einem Druckwasserstrahl ab. Immerhin grundlegend sauber werden sie so wieder. Trotzdem werden sie nur mit Handschuhen angefasst.

Und wer hat diese rollenden Kanalroboter erfunden?

Ein Schweizer. Natürlich.

Von Kai Hasse

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