Bei „Somma“ kamen die Tropfen

Das Publikum ging begeistert mit.

Uelzen - Von Jürgen Köhler-Götze. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Im Falle Uelzen Open R heißt das: Wer erst am späten Nachmittag zum Festivalgelände kam, um nur die vermeintlichen Highlights anzuhören, der hatte einige Knaller schlicht verpasst.

Die Mädels von „Kellerchaos“ enterten als erste die Bühne auf dem noch recht locker gefüllten Gelände. Noch keine eigene CD haben die Punk-Frauen aus Preetz, aber schon den John-Lennon-Talent-Award gewonnen und gerade einen Auftritt in Südafrika abgebacken. Knackiger Auftritt und mitsingbare Songs, durchweg in Deutsch.

Der Auftritt von „Mamas Gun“ war also ordentlich vorbereitet. Auch von der Technik: Die Gruppe kommt aus London und hat die entsprechenden dreipoligen Stecker von der Insel mitgebracht – eine Herausforderung für die Technik-Crew und bis auf ein halbtotes Mikro klappte auch das. Soul, behauptet die Gruppe, würde sie spielen, ziemlich funkig wird‘s dann und das geht ziemlich vielen Leuten in die Füße: Nicht nur auf der Bühne wird heftig getanzt. Der Drummer macht Druck und vom Keyboard blitzen die Einfälle nur so.

Eher verhalten die Reaktion des Publikums auf „Eisblume“, dabei wäre als Refrain doch wirklich nur „oh-oh-oh“ gefragt gewesen. Vom Bass kommt Brei aus den Lautsprechern und die Bewegungen auf der Bühne sehen –  sicherlich ungewollt – nach Posing aus. Es dauert bis zum letzten Song, bis das Publikum sich wirklich auf „Eisblume“ einlässt.

Ganz anders „Doll & the Kicks“, die eine deutlich bessere Bühnenpräsenz zeigen und sich schnell, sehr schnell ans Publikum ranspielen. Sängerin Hannah Scanlon verlässt gar die Bühne, singt und tanzt auf den Lautsprechern davor, ist hoch konzentriert, jede Bewegung stützt die Musik, rotziger Gesang, sehr präzise gespielte Melodielinien, knalliges Outfit. Die Band hat sichtlich Spaß an ihrem Auftritt und hat ihn auch später noch: Den ganzen Abend stranzeln sie durch den Zuschauerbereich, quatschen mit Konzertbesuchern, pinseln auf Wunsch Autogramme auf Bäuche oder greifen sich Techniker oder Journalisten im Backstage-Bereich für ein Tischtennismatch. Für viele Besucher, die zu diesem Zeitpunkt schon auf dem Gelände waren, die wirkliche Überraschung des Open R.

„Stanfour“, die Jungs von der Insel Föhr, liefern eine solide Vorstellung ohne viel Bühnenshow und treffen in Uelzen auf überraschend viele Fans. „Life Without You“ wird vielstimmig mitgesungen. Animation zum Mitklatschen braucht die Band nicht, die Fans folgen willig und klatschen sich die Hände warm. Zu diesem Zeitpunkt ist das Gelände schon gut gefüllt. Offensichtlich sind viele Zuschauer erst zu den letzten vier Acts erschienen und haben sich die vermeintlichen Vorgruppen geschenkt.

„Culcha Candela“ setzt nach der Umbaupause noch eins drauf. Das Bombast-Intro lässt Schlimmes befürchten: Sollten die Jungs etwa überdrehen? Keine Spur. „Ey du geile Sau“, mehr braucht‘s nicht, und das Publikum ist voll da, die Hände wippen, die Knie auch. „Guten Morgen Uelzen“ – ? Die Jungs sind spät aufgestanden, scheint es, aber sie wollen „erst wieder nach Hause gehen, wenn wir den Platz mit euch ordentlich zerrockt haben“. Eine temporeiche Choreografie reißt die Besucher mit, Reggae-Rhythmen fegen über den Platz, es dauert keine zehn Minuten und es kocht vor der Bühne. Bei „Somma in meinen Kiez“ sind die paar Tröpfchen, die vom Himmel kamen, längst vergessen und man lässt sich gerne „Herzlich willkommen in unsrer schönen neuen Welt“ heißen. Selbst das Spielchen: Musik aus – Publikum übernimmt den Song, klappt auf Anhieb. Es soll ja Leute geben, die diese Musik von der Konserve eher mäßig finden. Als Live-Act aber sind sie ein„Hamma“.

Wesentlich ruhiger dann der Auftritt von „Ich + Ich“. Endlich können auch die Lichttechniker zeigen, dass sie ihr Handwerk beherrschen. „Einer von Zweien“ als erster Song, ernste Gesichter im Publikum und Knurren bei denen, die sich nicht so leicht aus der Partylaune reißen lassen wollen, die Culcha Candela eben verbreitet hat. Dem Titel „Pflaster“ schickt Adel Tawil voraus, dass es sich da nicht um Hamster dreht. Trotzdem singen viele: „Es tobt ein Hamster vor meinem Fenster.“

Als der Regen wieder einsetzt, veranstaltet Tawil „eine kleine Yoga-Übung, die ich von Annette gelernt habe: Die Arme nach oben, in den Regen schauen und singen: ‚So soll es sein, so kann es bleiben‘.“ Abgang mit großem Applaus und laaange Umbaupause, was auch nicht durch das Transparent mit dem Cover der aktuellen CD gemildert wird.

Egal: Beim Trommelwirbel, der „Die Fantastischen Vier“ ankündigt, ist das Publikum voll da. „Gebt uns ruhig die Schuld“, „Junge trifft Mädchen“, die Leute singen mit was das Zeug hält. Fanta 4 ist mit großer Besetzung angerückt, zur einen Seite der Bühne fettes Schlagzeug, auf der anderen Seite tanzt Roland Peil während des ganzen Auftritts an seinem Percussion-Set. „MfG“ wird angekündigt als „typisches Lied aus Norddeutschland, wo die Leute nicht viel reden“. Auch dieses schnelle Sammelsurium von Abkürzungen singen die Leute textsicher mit. Fans eben. Smudo lässt sich im Blues-Brothers-Tempo feiern, Thomas D. lässt den „Krieger“ erwachen, optisch groß inszeniert, aber ein Bruch im Auftritt.

Trotzdem: Fanta 4 kann es auch nach 20 Jahren noch.

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