Von Woche zu Woche

Silvesternacht in Köln: Wenn Frauen Freiwild werden

Es gibt Wochen, in denen in Deutschland so Gravierendes passiert, dass lokale Themen dahinter verblassen. Weil sie die Menschen derart beschäftigen, dass sie einfach alles andere überlagern.

Und wenn dann zu den Diskussionen ureigene Ängste und grundsätzliche Fragen kommen, dann muss sich auch eine Lokalzeitung intensiv damit auseinandersetzen – auch an dieser Stelle.

AZ-Chefredakteur Thomas Mitzlaff

Was sich in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof ereignet hat, ist ein solches Thema. Frauen, die wie Vieh behandelt werden, ein grölender Mob, der untereinander in fremden Sprachen kommuniziert, missbraucht sie und raubt sie aus. Das Ganze ereignet sich nicht etwa in düsteren Rotlichtvierteln, sondern mitten in der Stadt. Am Kölner Dom sind Dutzende, wenn nicht Hunderte Frauen Freiwild gewesen. Und der deutsche Staat, der gerne den kleinsten Parkverstoß ahndet, ist abwesend. Und nicht nur das: Er wird verhöhnt.

Ist das das Land, das uns künftig blüht? Eine überforderte Obrigkeit, eine hilflose Politik, die uns seit Monaten ein heiles Deutschland vorgaukelt, das es so längst nicht mehr gibt. Und eine Polizei, die im Stich gelassen wird und nicht mehr Herr der Lage sein kann. 1,1 Millionen Flüchtlinge kamen dieses Jahr, die Politik sucht noch immer nach Wegen, wie sie mit dieser Entwicklung umgehen soll. Und längst tönen die Rechtspopulisten, die die Gunst der Stunde nutzen. Eine explosivere Gemengelage kann man sich kaum vorstellen. Was ist das für eine Entwicklung? Welche Auswirkungen wird das auch für uns in der ländlichen Region haben?

Jetzt rächt sich, dass Politik in diesem Lande in großen Teilen nur noch ideologisch verbrämt und nicht pragmatisch gemacht wird. Statt Probleme klar zu benennen und zu lösen, wird verschleiert, wo es geht. Damit richtet man einen Schaden an, der unter dem Strich weitaus größer sein wird.

Die Kölner Polizei verbreitete noch am Neujahrstag in einer Pressemitteilung, rund um den Dom sei ausgelassen und fröhlich gefeiert worden. Die Führung brauchte zwei ganze Tage, um die massenhaften sexuellen Übergriffe einzuräumen. Weil sie unter politischem Druck schön redete oder weil sie es nicht besser wusste? Beides wäre gleich fatal.

Und dieses „Es-kann-nicht-sein-was-nicht-sein-darf“-Denken und Handeln werden wir auch bei uns auf dem Lande zu spüren bekommen. Denn es wird eine Integration von wirklich hilfsbedürftigen Menschen gewaltig erschweren. Es wird Misstrauen einziehen, gesät auch durch ein plattes „Wir schaffen das“, dem keine Taten folgten.

Auf welcher Grundlage sind diese Menschen hier, die die Silvesternacht für Hunderte Frauen zum Horror werden ließen? Wird man jetzt endlich realisieren, dass der Rechtsstaat auch eine Verantwortung hat gegenüber den Menschen, die hier leben? Das sind Fragen, die auch eine Lokalzeitung noch viel beschäftigen werden.

Von Thomas Mitzlaff

Rubriklistenbild: © AFP

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare