Ein Kommentar von AZ-Redakteur Gerhard Sternitzke

Shitstorm: Und die halbe Stadt liest mit

+
Stimmung vor einer Bühne beim Bevenser Stadtfest.

Der Sturm bricht los, als das Stadtfest bereits über die Bühne gegangen ist. Hans-Peter Reumann hat sich mächtig über die Lautstärke der Musik geärgert und einen Leserbrief geschrieben. Sein Wort von der „Krachorgie“ schlägt ein, aber anders, als er gedacht hat.

In der Bevenser Netzgemeinde, organisiert in der Facebook-Gruppe „Wir aus Bämsen“, bricht ein Sturm der Entrüstung, ein kleiner Shit-Storm negativer Reaktionen, über Reumann herein.

Insgesamt 67 Kommentare erntet der Leserbrief. Mit der Frage, wie laut ein Stadtfest eigentlich sein darf, halten sich nur wenige Teilnehmer auf. Die Sache verselbstständigt sich, und Reumann wird zum Ziel von Hohn, Häme und aggressiver Beschimpfung. Er wird zum „Vollhorst“ gemacht, zum „Dauer-Nörgler“ und mit Menschen verglichen, die aufs Dorf ziehen und sich dann über den krähenden Hahn beschweren. Einer will ihm beim Schützenfest den Spielmannszug zum Wecken vorbeischicken. Die Idee ist befreiend. Wenigstens für den Schreiber. Die Aggression ist raus. Dem hat er’s gegeben.

Reumann hat sich nicht an Kindern vergangen. Er hat keine Nazi-Parolen gerufen und keiner armen Rentnerin das Portemonnaie gestohlen. Er hat ausgesprochen, was auch andere bewegt. Es ist der ewige Interessenkonflikt zwischen denen, die feiern wollen, und denen, die sich in ihrer Ruhe gestört fühlen. Warum entgleist die Debatte darüber, wenn sie im Internet geführt wird?

In der Diskussion über Phänomene wie das Cybermobbing wird häufig angeführt, dass die Nutzer sich im Schutz ihrer Anonymität wähnen. Das verleitet sie, ihre Meinung ungefiltert und drastischer auszudrücken, als es ihnen der Anstand außerhalb des Internets erlauben würde. Obwohl viele Mitglieder der Bevenser Facebook-Gruppe unter ihrem Klarnamen antreten, mögen sie ähnlich denken. Dabei ist die Gruppe ja ein Stück Öffentlichkeit.

Man kann die Äußerungen bei Facebook auch als Fortsetzung oder Ersatz des Gesprächs auf der Straße betrachten. Auch da nehmen wir ja oft kein Blatt vor den Mund. Besonders dann, wenn der Betroffene nicht dabei ist. In den sozialen Netzwerken potenziert sich diese ungeschützte Rede und entwickelt sich geradezu lawinenartig. Die Teilnehmer stacheln sich gegenseitig an. Es wäre gut, dabei zu bedenken, dass die halbe Stadt mitliest.

VON GERHARD STERNITZKE

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare