EU-Expertin aus Wieren gibt Einblicke in ihre Arbeit für G7 und G20

Mit den Sherpas zum Gipfel

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Was bei G7-Gipfeln – wie hier in Kanada – diskutiert und beschlossen wird, ist für viele Bürger schwer nachvollziehbar. Eine Wierener EU-Expertin plauderte jetzt in Uelzen aus dem Nähkästchen. 

Uelzen – Sie ist Leiterin des G7/G20-Sherpastabes im Bundeskanzleramt und bereitet Gipfel vor. Sie ist Finanzexpertin und erst 40 Jahre alt, hat im Bundesfinanzministerium gearbeitet und war für zwei Jahre als nationale Beauftragte zur EU-Kommission entsandt.

Dr. Lucinda Trigo Gamarra ist Spitzenbeamtin. Und sie plauderte bei einem Vortrag in der Kreisvolkshochschule Uelzen/Lüchow-Dannenberg aus dem Nähkästchen. Ihre Überzeugung: „Ich glaube fest, dass unsere Zukunft nur in mehr Integration und internationaler Zusammenarbeit liegt.“ Klimawandel, Migration oder Digitalisierung – keine der Herausforderungen lasse sich national lösen.

Lucinda Trigo Gamarra ist Spitzenbeamtin und bereitet G7- und G20-Gifel vor. 

Trigo, in Wieren mit spanischen Wurzeln aufgewachsen, legte 1998 als Jahrgangsbeste ihr Abitur am Herzog-Ernst-Gymnasium ab, studierte Betriebswirtschaftslehre in Lüneburg und Madrid und promovierte in Volkswirtschaftslehre an der Universität Rostock. Sie sagt über die Europawahl am 26. Mai: „Die Wahl ist vielleicht eine Wegscheide.“ Es werde sich zeigen, ob die proeuropäischen Parteien deutlich vor europaskeptischen und nationalistischen Kräften liegen. Es gäbe „viele Fliehkräfte, die an der EU zerren“. Und zum Brexit Großbritanniens betonte sie: „Ich bin mir sicher, das ist ein Verlust für die EU. Und für Großbritannien noch viel mehr.“

Trigo gab im Alten Rathaus ein ganz persönliches Statement zu ihrer Europa-Erfahrung ab, die sie als sehr bereichernd empfunden habe: „Die kleinen Länder werden nicht immer gehört. Diese Erfahrung habe ich mitgenommen – und ich hoffe, dass ich das bis heute in mir trage.“

So schilderte Trigo ihren Zuhörern anschaulich, wie eine politische Position entsteht und dann verhandelt wird. Im Fall der G20 etwa werden alle Bundesministerien zunächst um eine qualifizierte Stellungnahme zu einem politischen Feld gebeten, das etwa die Präsidentschaft auf die Agenda gesetzt hat. Und daraus entstehen Papiere, mit denen die Verhandlungsführer, die Sherpas, in Gesprächsrunden gehen. Etwa vier Mal vor einem G-20-Gipfel, wie in diesem Jahr in Japan, sind dann internationale Verhandlungen angesetzt. Die Suche nach dem Kompromiss, der Konflikt um eckige Klammern in den Papieren, geht in der Regel bis zum Gipfelschluss weiter. Tagelang sitzen dann die Verhandlungsführer zusammen, um einer Abschlusserklärung durch die Staats- und Regierungschefs den Weg zu bereiten. „In 99 Prozent der Fälle entscheiden die Sherpas. Die meisten Dinge müssen wir abräumen. Das ist ja auch unser Job“, sagt Trigo.

„Man braucht viel Geduld und Langmut“, sagt Trigo über die multilaterale Zusammenarbeit. „Es gibt nur langsame Bewegungen. Und schnelle nur bei Krisen.“ Und die strebe man ja nicht an. Und in 25 Jahren?, wird sie von KVHS-Mitarbeiterin und Moderatorin Janina Fuge gefragt: „Ich hoffe sehr, dass es die EU dann noch gibt. Ich bin überzeugt, dass unsere Zukunft, unser Wohlstand und unsere Sicherheit in der Einbettung in die EU liegt.“

VON CHRISTIAN HOLZGREVE

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