„Da braut sich etwas zusammen“

Sexuelle und körperliche Gewalt: Uelzener Präventionsrat in Sorge

Weniger Geld, mehr Angst: In den Pandemie-Zeiten verspüren die Menschen Stress. Die Sorge ist: Der Zustand mündet in ein aggressiveres Verhalten in der Familie.
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Weniger Geld, mehr Angst: In den Pandemie-Zeiten verspüren die Menschen Stress. Die Sorge ist: Der Zustand mündet in ein aggressiveres Verhalten in der Familie.

Uelzen/Landkreis – Die gute Nachricht zuerst: Wie der Uelzener Kindermediziner Swen Geerken in Gesprächen mit Polizei, Jugendamt und Ärzten erfahren hat, sind in der Region seit Ausbruch der Corona-Pandemie die aufgelaufenen Fälle von sexueller und körperlicher Gewalt nicht gestiegen.

Beruhigen mag ihn das nicht. Denn neben den bekannt gewordenen Fällen, das sogenannte Hellfeld, existiert noch das Dunkelfeld. „Das ist um einiges größer“, so Geerken. .

Die Corona-Pandemie ist geprägt von einem Ansteckungsrisiko, von Quarantäne-Zeiten, Kurzarbeit und steigender Arbeitslosigkeit. „Es sind gesellschaftliche Nöte, die die Menschen erleben“, sagt Geerken. Eine solche Situation bedeute zunehmend Stress, und könne letztlich in größere Aggressivität münden.

Auch den Uelzener Präventionsrat treibt das um, wie Geschäftsführer Peter Wegener und Vorsitzender Hans-Joachim Lepel bei einem Termin mit Swen Geerken erklären. Der Kindermediziner: „Wir sagen: Achtung, da braut sich etwas zusammen.“ Gemeinsam bitten sie die Menschen in der Region darum, achtsam zu sein, was mögliche Hinweise zu sexueller und körperlicher Gewalt betrifft.

Opfer von Gewalttaten sind Erwachsene wie auch Kinder. Die Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin im Uelzener Helios-Klinikum, in der Swen Geerken tätig ist, sieht sich jährlich mit Fällen von Gewalttaten gegenüber Kindern konfrontiert. „Wir erleben Kinder unter sechs Monate mit multiplen Brüchen“, so Geerken. Eine Folge einer körperlichen Misshandlung.

Geerken legt eine Statistik vor, wonach Kinder teilweise mehr als drei Stunden am Tag schreien. Längere Aufenthalte in der Wohnung durch Quarantäne-Vorgaben oder aus Angst vor Ansteckung könnten in Familien mit den sogenannten Schreikindern zu Ausnahmesituationen und Schütteltraumata führen. „Das ist ein Szenario, das mich umtreibt. Schreikinder sind eine Risikogruppe.“

Ein Schul- und Kitabesuch ist derzeit aufgrund der Pandemie nur eingeschränkt möglich. Es gibt auch weniger Arztbesuche. Das ist aus Sicht von Geerken, Wegener und Lepel misslich. Denn es sei- en gerade Lehrer, Erzieher und Ärzte, denen auffalle, dass etwas mit den Kindern nicht stimme. Diese Kontroll-Instrumente fehlten nun. Hans-Joachim Lepel, Vorsitzender des Präventionsrates: „Aber Kinder sind gute Beobachter.“ Wenn diese von Auffälligkeiten bei ihren Schulkameraden berichten, sollten die Eltern hinhören.

Dass alle Missbrauchsfälle oder Gewalttaten noch auffallen werden, wenn sich der Alltag normalisiert, damit sei nicht zwingend zu rechnen, betont Swen Geerken. Wunden heilten, Missbrauchsfälle seien zudem schwierig zu ermitteln. „Es ist keine Bugwelle, die wir vor uns herschieben. Vieles wird in der grauen Masse untergehen“, befürchtet der Uelzener Kindermediziner.

VON NORMAN REUTER

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