Aus dem Gericht: Pflegerin soll im Heim wehrlosen Mann misshandelt haben

Senior in Pflegeheim den Mund zugeklebt?

Wurde ein hilfloser Rentner, hier ein Symbolfoto, von einer Pflegerin gequält? Das glaubt eine Seniorenbegleiterin gesehen zu haben.
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Wurde ein hilfloser Rentner, hier ein Symbolfoto, von einer Pflegerin gequält? Das glaubt eine Seniorenbegleiterin gesehen zu haben.
  • VonSandra Hackenberg
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Uelzen – Es ist die Horrorvorstellung von Angehörigen, die ein Familienmitglied im Pflegeheim haben: Die Bewohner werden vom Personal misshandelt. Ein derartig schwerer Vorwurf wird nun gegen ein Heim im Landkreis Uelzen erhoben – konkret gegen die Angestellte B*.

Das Amtsgericht Uelzen verhandelt den Fall gegen die 34-jährige Pflegerin. Sie soll dem bewegungsunfähigen Mann den Mund mit Frischhaltefolie zugeklebt haben, damit er beim Waschen keine Laute von sich geben kann, lautet der Vorwurf. Doch bei den Aussagen der Zeugen kommen dem Gericht und der Staatsanwaltschaft erhebliche Zweifel.

Dass dem wehrlosen Rentner der Mund verklebt wurde, will eine Seniorenbegleiterin gesehen haben, die ihn an besagtem Tag gemeinsam mit dessen Tochter zu einem Ausflug abholen wollte und versehentlich eine Stunde zu früh dran war. „Ich sah ihn alleine und splitterfasernackt auf dem Bett liegen – mit zugeklebtem Mund“, sagt die 61-Jährige, selbst Altenpflegehelferin, aus. „Er lag da wie ein Käfer. Es war katastrophal, es sah schrecklich aus.“

Denn aufgrund von spastischen Verkürzungen seiner Gliedmaßen muss der Mann die ganze Zeit in Embryonalstellung liegen. Er kann sich alleine nicht bewegen und auch kaum sprechen. Die Pflegerin sei in dem Moment gerade aus der Waschnische aus der Ecke gekommen. „Könnte das am Mund auch Creme gewesen sein?“, fragt Richterin Claudia Hagemann nach. „Nein, das konnte ich schon unterscheiden“, bekräftigt die Seniorenbegleiterin. Sie sei von dem Anblick so geschockt gewesen, dass sie das Pflegeheim sofort verlassen und die Tochter des Mannes informiert habe.

Die Angeklagte selbst weist die Anschuldigungen zurück: Als die Seniorenbegleiterin hereinkam, habe sie direkt neben dem Mann am Bett gestanden, um ihn anzuziehen – und dabei habe er keine Frischhaltefolie auf dem Mund gehabt. „Er war kein Patient, wo man sich quälen musste und hat immer mitgeholfen“, sagt B.

Die Tochter des vermeintlichen Opfers hat ihren Vater zehn Tage später aus dem Pflegeheim genommen. Auch von der Heimleitung sei sie enttäuscht gewesen: „Die haben zwei Tage später angerufen – aber nicht, um das aufzuklären, sondern nur, um mir zu drohen, dass das Verleumdung ist, so was zu behaupten.“

Dem steht die Aussage des Pflegeheim-Geschäftsführers entgegen: „Von den Angehörigen ist bis heute niemand auf uns zugekommen und hat versucht, das zu klären.“ Alle Einladungen zu einem Gespräch seien abgelehnt worden. Aber wenn etwas an der Sache dran sei, sollte die Familie doch wollen, dass es Konsequenzen gibt. Darum glaubt der Geschäftsführer den Frauen nicht: „Das ist nicht nur eine böswillige Anschuldigung gegen Frau B.. Es geht auch um den Ruf unserer Einrichtung.“ Über B. sagt er aus: „Sie ist eine vorbildliche Mitarbeiterin – so, wie man sie sich nur wünschen kann.“ Sie gehe liebevoll und einfühlsam mit den Bewohnern seines Heims um.

Das Gericht glaubt nicht, dass die Seniorenbegleiterin lügt, kann aber nicht ausschließen, dass sie sich schlicht verguckt hat. „Mehrere Dinge sind in der Aussage nicht eindeutig“, befindet der Staatsanwalt, der auf Freispruch plädiert. So habe die Seniorenbegleiterin bei der Polizei zuerst angegeben, B. habe einen osteuropäischen Akzent – sie ist aber Deutsche. Außerdem kann sie sich nicht mehr an die Pflegerin erinnern. „Was, Sie sind die Angeklagte?“, fragt die Seniorenbegleiterin während ihrer Aussage ungläubig in Richtung Anklagebank.

Außerdem sei es merkwürdig, dass sie gegangen ist, ohne B. aufzufordern, die Folie zu entfernen. Es bleiben zu viele Fragezeichen, sodass B. freigesprochen wird.

*Name geändert

VON SANDRA HACKENBERG

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