Geflügelzüchter setzen sich für artgerechte Haltung und Ursprungsschutz ein

Die seltenen Vögel

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Bei der jährlichen Geflügelausstellung werden nicht nur Preise für die schönsten Tiere verliehen, sondern auch Probleme thematisiert.

Uelzen/Landkreis. Chicken McNugget oder Seidenhuhn? Was zu erst da war, ist für Matthias Behn wesentlich leichter zu beantworten, als die alte Frage nach Henne oder Ei . „Ohne uns wären die ganzen Massentierhalter nichts. Wir sorgen für den Ursprung“, erklärt er.

Um ihn herum scharrt und gackert, kräht und schnäbelt es. Zum zwölften Mal in seiner Laufbahn als Vorsitzender des Geflügelzuchtvereines Uelzen veranstaltet er die traditionelle jährliche Rassenschau der Federtiere.

Mit über 400 Hühnern, Putern, Gänsen, Tauben, Enten und Wachteln sind die Züchter aus dem gesamten Landkreis am vergangenen Wochenende in die Viehmarkthalle zum fachsimpeln, zur Preisverleihung aber auch zum Beratschlagen angereist. Denn die Zeiten sind nicht einfach. „Wir fühlen uns betrogen. Die Macht der Massentierhaltungsbetriebe ist so groß, dagegen kommen wir nicht an“, erläutert Matthias Behn die Problematik. „Seit der Geflügelpest vor acht Jahren sind die Auflagen für uns Züchter strenger geworden. An vielen Orten dürfen die Tiere nur noch im Stall gehalten werden“, ergänzt Horst Woppelmann und fügt hinzu: „Wenn man ein Huhn mehr als zwei Wochen einsperrt, ist das Quälerei. Viele Züchter wollen das ihren Tieren nicht antun und haben aufgegeben“. Artgerechte Haltung bedeute für den hauptberuflichen Wassermonteur Pflege, richtige Fütterung und Auslauf. „Bei mir leben 30 Tiere auf 200 Quadratmetern“, erzählt der 55-Jährige. In den gängigen Massentierhaltungsbetrieben haben Hühner hingegen ein DIN A4-Blatt großes Stück Platz zum „leben“. „Mir tun diese Tiere so leid“, bemerkt Matthias Behn traurig und erzählt, dass er seine Kücken von Hand aufziehe, da die Henne bei den weiteren Kreuzungen „nicht ausfallen“ darf. Bis das kleine Huhn erwachsen ist, dauere es ein dreiviertel Jahr. „Von zehn Tieren schaffen es dann etwa zwei zur Ausstellung“, berichtet er.

Was außerhalb der Schauen gelegt wird, kommt auch mal als Sonntagsei auf den Frühstückstisch. „Und natürlich werden auch einige von ihnen der Küche zugeführt“, gesteht er und ergänzt: „Aber man weiß, was man isst. Unser Gefieder wächst langsam heran“. Dabei betont er, es gehe bei seiner Arbeit in erster Linie um Artenschutz und Ursprungspflege. Doch damit gehört er zur Minderheit. Denn die Hühner, Gänse und Puter für die Massentierhaltung werden im Anschluss so gezüchtet, dass sie möglichst schnell auf dem Teller landen können. Die Natur ignorierend, wachsen sie mit überdimensionalen Tempo. Abgesehen von der Enge ihres Stalles können sie meistens gar nicht mehr laufen. Geschlachtet werden diese Tiere im Alter von 38 Tagen. In der Natur können Hühner bis zu sechs Jahre alt werden. „Das ist Babymord!“, empört sich Horst Woppelmann, der seine Tiere mit Mais, Hafer, Gerste und Weizen aufzieht. In den Großbetrieben bekommen Masttiere Kraftfutter und Antibiotika. Allerdings sei das Getreide geworden, da viele Maisfelder den Biogasanlagen Platz machen mussten, berichtet der Wierener und fügt ärgerlich hinzu: „Es geht nur um Profit. Ich aber weiß, wie es meinem Tier geht, wo es buddelt und was es isst. Ich pflege es, wenn es krank ist und entsorge es nicht, wie es in den großen Mastanlagen üblich ist.“ Ratlos fügt Matthias Behn hinzu : „Wir können nur protestieren. Und zum umdenken aufrufen“. Denn die Verantwortung liege beim Verbraucher, darin sind sich beide Züchter einig. Aber Fleisch aus artgerechter Haltung ist teuer. Was früher eine Delikatesse war, ist heute Fastfood. Eine Weihnachtsgans vom Bauern kostet gut vierzig Euro. Im Supermarkt gibt es das Masttier für 9,99. Das billige Fließband-Fleisch ist jedoch oft eine Mogelpackung. Das anscheinend pralle Geflügel aus der Kühltheke wird mit Wasser vollgespritzt und „schrumpft“ im Ofen.

„Die Volkswirtschaft braucht nicht nur große Mastanstalten, irgendwann sind wir froh, wenn wir unsere Eier selbst produzieren können“, gibt Hans-Jürgen Drögemöller vom Bad Bevenser Geflügelzüchterverein zu bedenken.

„Entweder sind wir Idealisten oder Idioten“ – Horst Woppelmann verbringt an die drei Stunden mit seinen Lieblingen. „Das entspannt mich“, lächelt er und erzählt, dass seine Tiere alle eine eigene Persönlichkeit hätten. Von seinen sechs gefiederten Teilnehmern, wurden in diesem Jahr drei ausgezeichnet. Der 55-Jährige wuchs in der Landwirtschaft auf und lernte die Geflügelzucht vom Großvater. „Ich mache das so lange weiter, bis ich nicht mehr kriechen kann“, lacht er und fügt dann erster hinzu: „uns fehlt der Nachwuchs. Die jungen Leute interessieren sich nicht mehr für Landwirtschaft.“ Auch dafür sei die Ausstellung hier wichtig, erklärt er – um Interesse zu wecken.

Die Enten, groß wie Gänse, Seidenhühner mit flauschigem „Fell“ und Pfau-Tauben mit stolzem Gefieder sind auf jeden Fall imposante Erscheinungen. Bei all der Ratlosigkeit über die gegenwärtigen Umstände, kann Matthias Behn wenigstens die Sache mit der Henne und dem Ei erklären: „Ein Hahn und drei Hühner ergeben den Zuchtstamm, erklärt er und verrät fachmännisch, was fast wie eine Lebensweisheit kling: „Nicht immer kommen Sieger heraus, wenn man Preistiere miteinander kreuzt.“

Von Lea Bernsmann

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