In der Uelzener JVA geht es heute ruhig zu: 250 Gefangene verbringen Weihnachten in ihren Zellen

Sehr stille Nacht im Knast

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Der stellvertretende Küchenleiter Uwe Rogowsky (links) und der Inhaftierte Sven O. bereiten in der Uelzener Justizvollzugsanstalt das Essen für 250 Gefangene zu. Heute kochen sie Nudelsalat mit Bockwurst.

Uelzen. „Die Stimmung ist ein bisschen gedrückt und ich bin sicher, dass der eine oder andere eine Träne vergießen wird, wenn er alleine ist. “ Sven O. begeht zum dritten Mal Weihnachten im Knast.

Wegen Betrugs und Untreue sitzt der 50-Jährige aus Lüneburg in der Uelzener Justizvollzugsanstalt (JVA). Wann er entlassen wird, ist noch unklar. Er arbeitet als erster Kochhelfer in der Küche und ist an Tagen wie heute ganz froh über diese Ablenkung: Von 6. 15 bis 13. 30 Uhr und von 15 bis 17. 30 Uhr geht sein Dienst. Der stellvertretende Küchenleiter Uwe Rogowsky bereitet mit dem Inhaftierten und noch weiteren Helfern Nudelsalat mit Bockwurst zu. Am Abend wird es für die Häftlinge warmes Hähnchen geben. Und jeder darf einen Stollen in seine Wohngruppe mitnehmen.

Vielleicht werden einige der Inhaftierten Dr. Jürgen Oehlerking, Staatssekretär im niedersächsischen Justizministerium, treffen, der heute dem Personal der Uelzener JVA einen Besuch abstattet. Anstaltsleiterin Sabine Hamann wird mit ihm einen Gang durch das Gefängnis machen und den Insassen frohe Feiertage wünschen.

Sven O. hat geplant, mit anderen Inhaftierten gemeinsam zu essen. „Und dann gehe ich wirklich in meinen Haftraum und denke ein bisschen nach.“ Denn er ist der Meinung: „Wenn jemand eine Straftat begeht, dann ist das so, dann muss er auch mit den Konsequenzen leben.“ Das heißt für ihn Weihnachten ohne seine Familie und ohne seine Freundin. Und es heißt, sich mit seiner Straftat auseinanderzusetzen und an sich selbst zu arbeiten, macht er deutlich. Besuch gibt es an Weihnachten für niemanden in der JVA, da die Zahl der Bediensteten an den Feiertagen reduziert wird. Viele Häftlinge telefonieren Heiligabend mit ihren Angehörigen oder erhalten Briefe, aber Geschenke sind nicht erlaubt.

Während heute Nachmittag in Uelzen viele Familien zum Krippenspiel in die Kirche aufbrechen, geht es in der JVA eher „melancholisch“ zu, schildert Sven O. Der Gefängnisseelsorger wird eine Andacht halten. Wer das emotional aushält, besucht den Gottesdienst – aber vielen sei das zuviel. Nicht wegen des Festes Weihnachten, sondern weil jeder weiß, dass draußen die Familien zusammensitzen, betont Sven O. „Es ist ein Familienfest, da sind die Gefangenen etwas traurig. Auch an den Moslems geht das nicht spurlos vorbei“, denn gerade diese seien eng mit ihren Familien verbunden. „Es ist schlimm, wenn sie allein sind.“ Aber: „Die Bediensteten sind auch an den Feiertagen motiviert und verbreiten Festtagsstimmung.“

Außer der Andacht gibt es nicht viel Ablenkung über die Feiertage. JVA-Mitarbeiter Thomas Wenck bietet Sport an, Fußball, Volleyball, Tischtennis, Badminton und Fitness können die Häftlinge machen. „Es sind nicht so viele wie sonst dabei“, weiß er schon vorher. Wenn normalerweise bis zu 25 Personen kicken, machen Heiligabend oder Silvester zehn, maximal 15 Teilnehmer mit.

Auf den Gängen in den Wohnhäusern ist es ruhig, die Inhaftierten sind heute mit sich selbst beschäftigt. 250 Gefangene sind in der Uelzener JVA untergebracht. Drei Mahlzeiten werden für sie täglich in der Küche vorbereitet, meistens einfache Gerichte wie Nudeln und Tomatensoße oder Erbseneintopf. Ausnahmen gibt es nur für die rund 35 Moslems in der JVA, die kein Schweinefleisch essen, für sieben Diabetiker und 20 weitere Personen, die aus gesundheitlichen Gründen eine Sonderkost erhalten. Pro Person stehen täglich insgesamt 2,70 Euro für die Verpflegung zur Verfügung. Wenn von dem Satz etwas eingespart wird, kann „Weihnachten ein bisschen üppiger ausfallen“, berichtet Rogowsky. „Aber es gibt nie Roastbeef oder Filet“, stellt er klar. Für den ersten Weihnachtstag stehen Schnitzel und für den zweiten Weihnachtstag Schweinerollbraten auf dem Speiseplan. „Von der Verpflegung her ist Uelzen mit weit vorne“, vergleicht Sven O. die JVA in der Uhlenköperstadt mit anderen Abteilungen, die er bereits kennengelernt hat. Das Essensangebot sei auch abhängig von dem Einkaufstalent der Inhaftierten, die für die Aufgabe eingeteilt sind.

„Hier kann sich auch nur der was leisten, der arbeitet“, weiß Sven O. Und somit kochen manche Inhaftierte am Feiertag in ihrer Wohngruppe und zahlen dafür auch selbst.

Ist mit der Funktion der Küchenleitung an Heiligabend auch Seelsorge verbunden? Morgens sitzt das Küchenteam zu einer Mitarbeiterbesprechung zusammen. Jeder solle offen aussprechen, wo es Probleme gibt, damit sich keine Probleme aufbauschen. „Aber es müssen alle an einem Strang ziehen, das Ergebnis muss am Ende stimmen“, sagt Rogowsky entschlossen. Bei Sven O. ist die Aussage angekommen: „Die Aggression darf gar nicht hochkochen“, er trenne zwischen dem Haus, in dem seine Wohngruppe ist, und der Arbeit in der Küche. „Was hier ist, tragen wir hier aus“, sagt der Gefangene und deutet auf den Küchenbereich.

Seit September 2010 ist er in der Küche beschäftigt. Anfangs seien „das Spülen und die Unterhaltung“ sein Metier in der Küche gewesen, erinnert er sich und schmunzelt. Das Kochen habe er bei der Küchenleitung von der Pike auf gelernt. „Ich weiß, wie man die Mengen bestimmt und was die Gefangenen wollen“, erklärt er. „Je besser das Essen, desto ruhiger das Gefängnis“, lautet das Motto von Sven O. und Rogowsky.

Von Diane Baatani

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