„Schwerster Einsatz meines Lebens“

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Beim Zusammenstoß eines Güter- und eines Nahverkehrszuges bei Hordorf in Sachsen-Anhalt wurden am vergangenen Wochenende zehn Menschen getötet und 23 verletzt. Etwa 50 THW-Kräfte aus der Region waren am Rettungseinsatz beteiligt.

Uelzen - Von Bernd Schossadowski. „Man darf das Ganze nicht zu sehr an sich heranlassen und muss dazu Abstand gewinnen“, sagt Lars Deuter. Doch die schrecklichen Bilder vom Zugunglück am vergangenen Wochenende bei Hordorf (Sachsen-Anhalt) werden dem 40-Jährigen so schnell nicht aus dem Kopf gehen.

Der gebürtige Uelzener ist ehrenamtlicher Ortsbeauftragter des Ortsverbandes Quedlinburg im Technischen Hilfswerk (THW) und leitete an der Unglücksstelle den Einsatz der THW-Kräfte. Was er dort erlebte, kann Deuter kaum in Worte fassen. „Es waren so viele Jugendliche unter den Opfern – einfach schrecklich. Von der Zahl der Toten und Verletzten war das der schwerste Einsatz meines Lebens“, sagt er gegenüber der AZ.

Wie berichtet, sind in der Nacht zum Sonntag in Hordorf bei Oschersleben ein Güter- und ein Nahverkehrszug zusammengestoßen. Dabei starben zehn Menschen, 23 weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Als Deuter die erste Alarmierungsmeldung für das THW erhielt, versuchte er, ruhig zu bleiben. „Man ist durch die zahlreichen Einsätze in den vergangenen Jahren gewohnt, nicht wirklich darüber nachzudenken. Es ist ganz wichtig, dass man die Lage vor Ort sondiert und vermeidet, nervös zu werden“, erklärt Deuter. Über die furchtbaren Bilder, die er vor Ort zu Gesicht bekam, will er aber nicht sprechen. „Das wäre pietätlos gegenüber den Angehörigen“, bittet er um Verständnis.

In Erinnerung geblieben ist ihm aber, wie diszipliniert und professionell alle Einsatzkräfte agiert haben, ganz gleich ob DRK, Feuerwehr, Polizei oder THW. „An der Unglücksstelle war es außergewöhnlich ruhig, so etwas habe ich selten erlebt. Der Schock saß bei allen anscheinend sehr tief“, berichtet der 40-Jährige, der den Ortsverband Quedlinburg seit 1998 leitet. Hauptberuflich ist er Chef eines Ingenieurbüros in der Kleinstadt am Harz und lebt dort auch mit seiner Familie.

Schon kurz nach dem Zugunglück waren THW-Helfer aus Oschersleben und Haldensleben mit mobilen Lichtmasten an der Einsatzstelle und leuchteten diese für die Rettungs- und Bergungsarbeiten aus. Am Sonntagmorgen wurden zusätzlich die schweren Bergungsgruppen der Ortsverbände Quedlinburg und Salzwedel alarmiert. Ihre Aufgabe bestand darin, den entgleisten Personenzug zu sichern und anzuheben. Mit Verstärkung durch die THW-Fachgruppe Beleuchtung aus Staßfurt gelangen die Bergung und der Abtransport des Zuges in der Nacht.

Unter der Leitung von Deuter waren insgesamt 50 THW-Kräfte aus fünf Ortsverbänden im Einsatz. Mit schweren Hebekissen wuchteten sie den 80-Tonnen-Personenzug nach oben und drehten ihn zur Seite. Danach suchte die Polizei nach möglichen Opfern unter den Trümmern. Auch beim Zerlegen der Zugteile sowie beim Abtransport und Räumen der Strecke leistete das THW wertvolle Unterstützung.

„Unser Glück war, dass der Boden an diesem Tag gefroren war. So war die Unglücksstelle gut zugänglich für die Rettungskräfte und -fahrzeuge“, sagt Deuter. Matschiges, regendurchweichtes Gelände hätte den Einsatz deutlich erschwert.

Trotzdem arbeiteten die THW-Kräfte bei dem bis zum frühen Montagmorgen dauernden Einsatz unter hohen psychischen Belastungen. Deshalb standen ihnen zur Bewältigung vier psychologisch geschulte THW-Kräfte des Einsatznachsorgeteams sowie kirchliche Seelsorger zur Seite. „Das lief vorbildlich ab und hat uns allen sehr geholfen“, lobt Deuter die Unterstützung.

Doch auch die körperliche Anstrengung war für alle Retter enorm, Ruhepausen wurden daher zwingend notwendig. „Zwischendurch haben wir mal ein paar Minuten gedöst, um Kraft zu sammeln. Aber an Schlafen war da nicht zu denken“, erinnert sich Deuter.

Erst am Sonntagabend kehrte er – voller aufwühlender Gedanken – zurück zu seiner Familie. Viel Zeit zum Verarbeiten der Ereignisse blieb Deuter indes nicht: Am Montagmorgen begann für ihn wieder der Arbeitsalltag in seinem Ingenieurbüro. „Nur so kann man das Erlebte verarbeiten“, erklärt er.

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