Förderverein Silberstreif finanziert Kunstprojekt „Abgeschnitten“ von Woltersburger Mühle und JVA

Schweißen am offenen Rückgrat

Die „Rippenbögen“ werden auf die Metallstränge aufgeschweißt. Zum Einsatz kommt normaler Stahl, der noch eine Kupferbeschichtung bekommen soll. Hier hilft der stellvertretende Betriebsleiter der JVA-Schlosserei, Jörg Lindenau (l), Thomas Tewes bei der Arbeit. Fotos: Hasse

Uelzen. Es ist mal was anderes für Thomas Tewes. Der arbeitet in der Schlosserei der Justizvollzugsanstalt Uelzen, wo er eine mehrjährige Haftstrafe verbüßt. Sein jüngstes Arbeitsprojekt ist „Abgeschnitten“, eine Stahlinstallation des Künstlers Michael Hitschold.

Die besteht aus zwei Teilen, jeweils ein leicht gebogener, kräftiger Metallstrang, an den sich weitere stark gekrümmte Metallbögen reihen – wie Rippen.

Fast fertig ist das Werk: Künstler Michael Hitschold (links) mit JVA-Insasse Thomas Tewes.

Den Eindruck von Rippen sollen sie auch vermitteln. „Das Modell sollte etwas sein für Leute, die gefallen sind“, sagt der Künstler Hitschold. Ihm sei der Gedanke gekommen, „einen Rumpf zu spalten“. Das klingt martialisch, und so geht es auch weiter. Die beiden Metallstränge deuten stilistisch eine Wirbelsäule an, die in der Hochachse durchtrennt wurde, die beideseitigen Rippenbögen jeweils an einem der Metallstränge. „Sie neigen sich zueinander und heben die Spannung wieder auf“, meint Hitschold. Die Ringe hat er dabei „musikalisch berechnet“, sagt er, anders ausgedrückt: mathematisch auf die Frequenzabstände abgestimmt, die harmonisch sind. Bemerkbar macht sich das, wenn man fest auf die „Rippen“-Bögen schlägt: Die entstehenden Töne ergeben zusammen eine Harmonie.

Initiator der Umsetzung des Werkes ist Gerard Minnaard, Projektleiter der Woltersburger Mühle. Er wollte ein Projekt starten, bei dem Gefangene und Jugendliche der Produktionsschule Uelzen (PSU) in der Woltersburger Mühle zusammenarbeiten. Menschen aus JVA und Mühle sollen sich austauschen. Da greife das Thema „Abgeschnitten“, denn: „Die Mitarbeiter der Woltersburger Mühle und die Arbeiter hier in der JVA sollen nicht das Gefühl bekommen, sich gesellschaftlich abgeschnitten zu fühlen“, sagt etwa Holger Burmester, Koordinator bei der Woltersburger Mühle und zuständig für die Jugendarbeit.

Minnaard fragte bei Hitschold an, ob er den künstlerischen Part übernehmen würde. Die beiden hatten sich bei einer Ausstellung in der Woltersburger Mühle kennengelernt. Kunstschmied Hitschold willigte ein, entwarf das Modell „Abgeschnitten“, und die Arbeiter legten zusammen los. Meist zwei Arbeiter samt Anleiter aus der PSU waren bei den Arbeiten, dazu Thomas Tewes aus der JVA. Bisher ist unklar, wie teuer das Projekt sein wird, das vom Förderverein Silberstreit getragen wird. Die Sprecherin der JVA, Gabriele Bröcher, geht von etwa 5000 Euro aus. Die Teile sollen an der Woltersburger Mühle und vor der JVA stehen.

Derzeit ist das Projekt in den letzten Zügen, Anfang der Woche schweißten Künstler Hitschold und Sträfling Tewes die Rippenbögen an das zweite Rückgrat-Teil. Stolz ist Hitschold auf die Konstruktion. „Aber ich kann nicht alleine stolz sein. Ich bin auch stolz auf Tewes. Er hat es super umgesetzt. Und das Zusammenspiel von vielen Leuten hat sehr schön geklappt“, sagt der 42-Jährige. „Es ist nicht schlecht geworden“, lobt auch der Schlosser Tewes mit Understatement. Arbeitspause. Normalerweise arbeitet er an Treppengeländern, Grills, Schornsteinabdeckungen oder Stahltoren. „Aber ich mache lieber die Sachen, bei denen ich mir Gedanken machen muss“, sagt er. „Und es ist so geworden, wie er sich das vorgestellt hat. Dann ist es okay.“ Rein technisch sei es keine große Herausforderung, meint er. „Gib mir Stahl, eine Flex und ein Schweißgerät, und ich realisier das“, meint Tewes.

Privat sind sich die beiden, Künstler und Gefangener, näher gekommen – beide sind Musiker. Hitschold spielt Gitarre, Tewes ist Hobby-Tontechniker und kann Musikstimmen übereinanderschreiben. Sie haben schon zusammen gespielt, derzeit überlegen sie, ein Musikprojekt auf die Beine zu stellen. Tewes schreibt gern Stücke von den Stones oder Clapton um, von Hitschold kämen Stücke von Johnny Cash. „Folsom Prison Blues“, schlägt Hitschold vor. Beide grinsen.

Von Kai Hasse

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