Buch eines Rektors sorgt für Aufsehen

Wie Schule die Jungs verbiegt

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Uelzen. Unsere Schulen sind eigentlich auf Mädchen ausgerichtet: 93 Prozent der Lehrkräfte an Grundschulen sind weiblich „und so sieht auch die gesamte Unterrichtsstruktur leider aus“, sagt Frank Beuster. Jungen seien nicht schlechter in den Leistungen, „aber ihr Verhalten wird nicht akzeptiert und das zieht sie runter bei den Noten“.

Der Hamburger baut seine Auffassung auf jahrzehntelangen Umgang mit Schülern. Heute ist er Rektor einer Hamburger Grundschule – mit 16 Kolleginnen. Seine Thesen hat Beuster niedergeschrieben in dem Buch „Die Jungenkatastrophe“ – und damit in ein Wespennest gestochen. Es gab einen Aufschrei bei Pädagoginnen, aber auch viel Zuspruch. Am Donnerstagabend stellte der Auto seine Erkenntnisse auf Einladung des Round Table 132 Uelzen im Rathaus vor.

Der Ratssaal ist gut gefüllt, keineswegs nur Lehrer wollen hören, was Beuster zu sagen hat. Und er enttäuscht das Publikum nicht. „Auch bei Jungen sind Qualitäten da, aber die werden nicht abgefragt“, sagt er. „Schule muss jungengerechter werden.“ Der Rektor nennt Beispiele: Der klassische Tadel der Lehrerin an Jungen: „Nehmt euch ein Beispiel an den Mädchen.“ Aber genau das wollen die Jungen auf keinen Fall, so Beuster: „So sein wie die Mädchen.“ Denn Strebersein ist Opfersein.

Beim Klingeln sitzen die Mädchen schon auf dem Platz, das Buch aufgeschlagen. Jungs haben womöglich noch einen seltenen Käfer entdeckt, kommen später – und bezahlen das mit einer schlechteren Note im Sozialverhalten. Mädchen bekommen Einsen und Zweien, Jungs liegen zwischen Drei und Fünf – „und keiner stellt sich die Frage, ob der Fehler wirklich bei den Jungen liegt oder ob man ihre Bedürfnisse schlicht vergisst“, sagt Beuster.

„Schwebt über den Balken wie die Elfen“, sagt die Sportlehrerin. Aber kein Junge wolle wie eine Elfe schweben – ganz gewiss nicht. Für sie ist der Alltag Machtkampf. Zuhause und auch in der Schule. „Da geht es um Aufmerksamkeit, die ihnen nicht zuteil wird“, weiß der Vater zweier Jungs. „Wenn ich mich verweigere, schockiere, dann habe ich Macht und Aufmerksamkeit und nur darum geht es.“ Unangenehmes Auffallen sei besser als gar kein Auffallen. „Hinter jedem Handeln steht ein Sinn bei Jungen.“ Wenn einer die ganze Unterrichtsstunde mit dem Stift auf dem Tisch hämmere, sage die Lehrerin, er solle aufhören mit dem Unsinn. „Doch für den Jungen macht das einen Sinn, er hat Aufmerksamkeit“ – und da sei es egal, ob es einen Eintrag ins Klassenbuch gibt.

Lehrerinnen und Jungs, da treffen zwei Kulturen aufeinander, folgert Beuster: Auf der einen Seite die Pädagogin mit einem Abschluss von 1,5, auf der anderen Seite der Junge, der nur möglichst schnell raus wolle aus der Unterrichtsstunde. Die Erziehung zur Unmännlichkeit, der Hang zur Unterdrückung der männlichen Seite im Jungen komme einer Entmannung gleich, gegen die sich ein Großteil der Jungen mit stark männlichem Auftreten zur Wehr setze.

„Auch diese Thematik muss in der Ausbildung angesprochen werden, Unterricht muss dem Umstand Rechnung tragen, dass da zwei Geschlechter sitzen“, so der Autor. Weil das aber nicht passiere, seien Jungs im Schnitt eine Note schlechter – weil ihr Verhalten nicht dem Erwartungsbild der Lehrerinnen entspreche. Die Note sei aber nun mal der Eintritt ins Studien- und Berufsleben. „Als Konsequenz sind Jungs die Bildungsverlierer.“

Und sie flüchten sich in eine andere Welt, die beherrschbar sei für sie – in die virtuelle. „Computer, Internet, Konsolen, das ist dann ihre Welt, da sind sie gut. Da erreichen sie die nächsten Level“, so Beust.

Mit seinem Buch wolle er Verständnis wecken für die Situation der Jungen. Und der Schulleiter fordert ein Umdenken in der Lehrerbildung und Unterrichtsentwicklung. Erste Ansätze gibt es bereits: So stellte der Round Table Hamburg seine „Jungentage“ vor, die er in einer Grundschule mit großem Erfolg veranstaltet. Sechs Mal im Jahr springen Männer ein, um den Jungen Vorbilder zu sein. Weitere Informationen dazu gibt es im Internet unter www.patent-fuer-jungen.de.

Lesen Sie zu diesem Thema auch das „Pro und Contra“ der AZ-Redakteure Sabine Peter und Thomas Mitzlaff in der Wochenendausgabe der AZ.

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