Lydia Laleike und Pia Carolotta Hansen „hetzen“ durchs Neue Schauspielhaus

Schuld ist die Zeit

+
Selbst zum Aussprechen der Namen ist bei dem Zwei-Frauen-Stück im Neuen Schauspielhaus keine Zeit. Foto: Huchthausen

Uelzen – Sie nennen sich A und B, denn selbst für das Aussprechen des vollen Namens bleibt keine Zeit mehr übrig. „Hetz, hetz, hetz und immer wieder Stress, Stress, Stress.“

Mehr als zwei weiße Stühle und einen Tisch als Requisite braucht es am Samstagabend im Uelzener Neuen Schauspielhaus nicht. Lydia Laleike und Pia Carolotta Hansen setzen in ihrer gesellschaftskritischen Komödie „Hetz hetz“ ausschließlich auf ihre (Körper-)Sprache, und das mit großer Intensität und Leidenschaft.

Komplette Wortfolgen gibt es nicht, die Protagonisten schleudern ihre Ein-Wort-Sätze stakkatohaft in Richtung Publikum. Zeit. Druck. Angst – gleich platzen wir: In den Anforderungen der heutigen Gesellschaft bleibt kein Raum für Privates: Frau A und Frau B nehmen sich frei für ein Rührei.

Auf dem Standesamt vermählt sich „B“ mit ihrer Arbeit. „Ich könnte mir vorstellen, von der Arbeit schwanger zu werden und viele kleine Workoholinchen zu bekommen“, seufzt sie und wird daraufhin zu „Frau und Arbeit“ erklärt. Das Publikum im Schauspielhaus wird aufgefordert, sich feierlich zu erheben. Die Schauspielerinnen versinken in einer Spirale aus Stress, selbst in ein vordergründig normales Gespräch mischen sich wie bei einem Tourette-Kranken immer wieder Vokabeln wie „Rechnungseingang“, „Telefonkonferenz“ oder „500 Mails“.

Am Ende dieser Reise durch Burnout und Depression wird die Zeit als Schuldige ausgemacht und zu 15 Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Aber ist denn wirklich immer die Zeit schuld? Die bittere Erkenntnis: Es wurde uns so beigebracht: „Fühlen“ ist ein ausgestorbenes Wort. „Funktionieren“ ist relevant. Und so nimmt man sich frei – für ein Rührei.

Mit großem schauspielerischem Ausdruck und darstellerischer Kraft haben Lydia Laleike und Pia Carolotta Hansen in ihrem selbst geschriebenen Stück auf die Probleme der heutigen Zeit nachdrücklich aufmerksam gemacht.

VON OLIVER HUCHTHAUSEN

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare