Amtsgericht: Prozess um Körperverletzung mit gravierenden Folgen

Schnaps, Schläge, Leiden

Uelzen. Prozessauftakt am Amtsgericht. Zu einem Vorfall am 9. Oktober 2013. Ein Vorfall, der für einen damals 47-jährigen Oldenstädter einen gravierenden Einschnitt in seinem Leben bedeutet. Es geht um Körperverletzung.

Und insbesondere um ihre Folgen für den Geschädigten.

Der kann seit einer gemeinsamen Zecherei mit dem angeklagten Uelzener nicht mehr richtig laufen und kommt deswegen gestern auf Krücken in den Saal. Er sagt für eine kurze Strecke reiche es nach den zwei Jahren mittlerweile, für längere braucht er immer noch den Rollstuhl. Seine Kopfverletzungen, zu denen eine Zeugin sagt „Alles war voller Blut, der ganze Kopf sah komisch aus“, waren noch das Harmloseste: Seine Leber war geschädigt, die gerissene Milz wurde ihm entnommen und ein Teil der Bauchspeicheldrüse entfernt – über Monate finden mehrere Notoperationen statt. Auch, weil der Darm verwächst und die Verdauung nicht mehr funktioniert. Aus diesem Grund kann der Mann kaum noch essen, magert extrem ab. 68 Kilo halten die Ärzte für ihn für ein gutes Gewicht, zwischenzeitlich waren es nur 48 Kilo. Die Gutachterin benutzt in diesem Zusammenhang den Begriff Kachexie – er war kurz davor zu verhungern. Heute, sagt er, lerne er, wieder regelmäßig zu essen. Die Verdauung ist immer noch beeinträchtigt, aber er wiegt inzwischen 65 Kilo.

Er lebt von einer Berufsunfähigkeitsrente, wegen starker Schmerzen in Rücken und Bauch trägt er ein Morphiumpflaster – 75 Milligramm, alle drei Tage neu. Die Sachverständige erklärt: „Morphium ist das letzte Mittel. Hauptsächlich wird es in der Palliativ-Medizin eingesetzt, um Schwerstkranken die Schmerzen vor dem Tod zu nehmen. Es ist eine ,Hammer-Medikation’“.

Neben dem rechtsmedizinischen Gutachten versucht der Prozess aufzuklären, was vor zwei Jahren geschah. Nur manches klingt eindeutig: Angeklagter und Geschädigter begegneten sich abends am Hundertwasser-Bahnhof. Sie kennen sich kaum, beschließen aber dennoch, in der Wohnung des Beklagten in der Hauenriede noch ein bisschen zu „feiern“. Zu zweit. Konkret heißt das: Schnaps trinken. Der Geschädigte übernachtet im Anschluss bei einer gemeinsamen Freundin und kehrt am nächsten Tag, ein Dienstag, vormittags zurück. Er will zwei Flaschen Schnaps abholen, die übrig geblieben sein müssten. Es wird wieder getrunken.

Vieles bleibt aber auch nach mehreren Zeugenaussagen unklar. Wer ist zum Tatzeitpunkt wie stark betrunken? Welche weiteren Personen waren wann in der Wohnung des Angeklagten anwesend und aus welchem Grund? Vor allem aber auch: Wer hat wen geschlagen, aus welchem Grund und mit welcher Folge? Außerdem: Wer hat angefangen?

Für den Staatsanwaltschaft kommen die Paragrafen 223, 224 Absatz I, Satz 5 und 226 Absatz 1, Satz 3 des Strafgesetzbuches in Betracht – also Körperverletzung, schwere Körperverletzung und gefährliche Körperverletzung. Gefährlich wird die Körperverletzung beispielsweise, wenn sie „mittels einer das Leben gefährdenden Behandlung“ ausgeübt wird, schwer, wenn der Geschädigte „in erheblicher Weise dauernd entstellt wird oder in Siechtum, Lähmung oder geistige Krankheit oder Behinderung verfällt“. Das muss das Gericht bewerten, bis zu zehn Jahre Haft sind laut Strafgesetzbuch möglich.

Eine entscheidende Rolle wird bei der Strafzumessung auch die möglicherweise verminderte Schuldfähigkeit spielen. Die gemeinsame Freundin im Zeugenstand zum Zustand des Angeklagten: „Er hatte getrunken, konnte aber noch geradeaus laufen. Zigarette drehen ging auch noch, aber vielleicht nicht perfekt.“

Der Prozess wird am Mittwoch, 28. Oktober, fortgesetzt.

Von Steffen Kahl

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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