Melanie Jeschke leidet an Morbus Sudeck / Gruppe im Aufbau

Der Schmerz sitzt im Körper fest

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Laufen kann Melanie Jeschke nur noch kurze Wege. Seit 2014 ist auch ihr rechtes Bein von Morbus Sudeck betroffen.

Uelzen/Karwitz. Sie lächelt. Immer wieder während des Gesprächs. Doch das kann alles nur Fassade sein. Melanie Jeschke sagt, sie spiele ihren Mitmenschen allzu oft nur die gut gelaunte Frau vor. Um nicht mitleidige Kommentare ertragen zu müssen.

Oder skeptische Blicke zu ernten, wenn sie von ihrer Krankheit erzählt: Bei Melanie Jeschke wurde das Complex Regional Pain Syndrome, kurz CRPS, diagnostiziert. Auch als Morbus Sudeck bekannt. Schmerzen durchströmen ihren Körper. Unaufhörlich. Wenn sie isst, liest, liebt oder schlafen will. Die 42-Jährige aus Karwitz sagt: „Es gab Momente, in denen der Schmerz so stark war, dass du dich nur noch eingraben willst.“

Melanie Jeschke lächelt. Doch es ist ein brüchiges Lächeln, denn die 42-Jährige leidet an unaufhörlichen Schmerzen.

Mit ebenfalls Betroffenen will Melanie Jeschke für die Region Uelzen und Umgebung jetzt eine Selbsthilfegruppe aufbauen. Etwa 10 000 CRPS-Patienten in Deutschland sind bekannt. In der Region hat Jeschke bereits andere CRPS-Betroffene ausfindig machen können. „Das Reden mit anderen hilft“, sagt sie. Und der Austausch über Behandlungsformen und Forschungsergebnisse sei wichtig. Denn: Unklar ist noch, was die Ursachen von Morbus Sudeck sind. Betroffenen gegenüber wurde zunächst zum Ausdruck gebracht, dass womöglich die Schmerzen auf die Psyche zurückzuführen sind.

Melanie Jeschke erlebte auch Ärzte, die CRPS als Krankheitsform nicht anerkennen wollten. „Davon fangen wir gar nicht erst an“, hört sie in ihren Erinnerungen noch einen Hamburger Mediziner sagen. Doch längst gibt es eine Forschung zu Morbus Sudeck, benannt nach dem deutschen Chirurg Paul Sudeck, der als Erster die Symptome beschrieb. Und inzwischen gilt auch die These, dass die Psyche die Krankheit begünstigt, als überholt. Ihr voraus gehen meistens Verletzungen wie Brüche oder auch Operationen. So wie bei Melanie Jeschke.

Nach einem Sturz muss die linke Hand von Melanie Jeschke mehrfach operiert werden. Heute kann sie die Finger kaum krümmen. Und die Schmerzen bleiben.

Es ist das Jahr 2009. Melanie Jeschke trainiert damals eine Jugend-Fußballmannschaft. Sie selbst kickt zu dieser Zeit auch noch, steht an dem Tag, an dem sich für sie das Leben ändern sollte, im Tor. Abpfiff. Das Spiel ist aus. Sie geht vom Platz, stolpert und versucht sich noch abzustützen. Die linke Hand ist gebrochen. Der Bruch heilt, ohne dass die Schmerzen gehen. Bei Folgebehandlungen stellt sich heraus, dass auch der Diskus Schaden genommen hat. Es folgen Operationen. Als „das Brennen“ immer noch nicht enden will, sucht Melanie Jeschke Hilfe bei weiteren Ärzten. Sie bekommt Schmerztabletten verschrieben. So viele und so hoch dosiert, dass „ich nur noch auf der Couch lag“. Der Sohn zeigt sich tapfer, der Ehemann steht zu ihr. „Der Freundeskreis schrumpft.“

Linderung verschafft Melanie Jeschke ein sogenannter Neurostimulator. Der Stoppuhr große implantierte Stimulator (hier Muster) kann über eine Fernbedienung gesteuert werden und gibt schwache Stromimpuse an Elektroden nahe des Rückenmarkes ab.

Jede Tablette verschafft Schmerzlinderung, treibt sie aber in die Abhängigkeit. Als sie nicht mehr weiter weiß, sucht sie einen neuen Arzt, „der die Hände über den Kopf schlug.“ Und sie in den Entzug schickt, um dann mit ihr andere Formen der Linderung zu suchen. Das ist 2013. Ein Jahr später hat die Krankheit auch das rechte Bein betroffen. Seitdem plagen sie auch dort Schmerzen. Und sie leidet unter Krämpfen. Laufen kann die 43-Jährige nur noch kurze Strecken mit Schiene am Bein und Gehstock. Für längere Wege muss sie auf den Rollstuhl zurückgreifen. Linderung verschafft ihr nun geringer dosierte Tabletten und moderne Technik: Ihr wurde ein Neurostimulator implantiert, der schwache Stromimpulse an Elektroden nahe des Rückenmarkes sendet. Bedient wird der Stoppuhr große Stimulator über eine Fernbedienung. „Der Schmerz wird damit übertüncht.“ Der Alltag ist damit erträglicher. Und doch: „Ich kann nicht viel planen. Ich lebe von Tag zu Tag, weil morgen der Schmerz wieder stärker sein kann.“

Von Norman Reuter

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