Zum Schlag der Trommel

Nach dem Regen: Am frühen Sonntagabend hatten sich Teile des Festivalgeländes in eine veritable Wattenmeer-Kopie verwandelt.

Scheeßel - Von Sven Kamin. Nein, ist das gemütlich am frühen Sonntagabend in Scheeßel. Selbstzufrieden zuckelte das LCD-Soundsystem auf der Bühne vor sich hin. Die Zuschauer treiben in sanftester Festival-Seligkeit. Da passiert‘s. Das überraschend zahme Wetter hat keine Lust mehr auf Lethargie und setzt ein Zeichen. Platsch. 30 Minuten Platzregen der tropischen Sorte scheucht die Festivalgemeinde von ihren Liegeflächen auf und treibt sie unter Eisstand-Schirme und in Händlerzelte.

Doch zu spät, mit der Festivalruhe ist es erstmal Essig, und die Haupttraversen verwandeln sich schnell in eine feine Wattenmeer-Kopie. Doch offenbar kommt mit den nassen Füßen auch wieder Schwung ins Festival. Das könnte aber auch an den Elektro-Dadaisten von Deichkind liegen, die ihren Titel „Festival-Liebling“ aus dem vorvergangenen Jahr locker verteidigen. Mit treibenden Beats und einer Bühnenshow, die an die Rituale von Urzeitstämmen zum Schlag der Trommel gemahnen, sorgen die Hamburger für eine Fan-Vollversammlung vor der Bühne, die an diesem Wochenende ihresgleichen sucht. Die einfachen Botschaften mit dem leicht ironischen Einschlag schlagen, naja, ein: „Arbeit nervt“ und „Yippie Yippie Yeah Yippie Yeah, Krawall und Remmidemmi“, mehr braucht es vor-erst nicht, um das Hurricane-Raketentriebwerk zu zünden.

Die Elektro-Acts sind es denn auch, die den dritten Tag prägen sollen. Zwar lässt sich auch die Gitarren-Fraktion von den Deftones über The Gaslight Anthem bis hin zu den Strokes nicht lumpen, aber die heißeste Show des Tages liefern die Briten von Faithless ab. Angefeuert von Maxwell Frazers extatisch monotonen (jaja, das geht) Sprechgesang und den überlebensgroßen Beats rasten die Fans zu den Überhits „Insomnia“ und „God is a DJ“ geradezu aus.

Und da ist sie endlich. Die Botschaft des Festivals. „We come One“ – Wir werden eins. Frenetisch schleudern Frazer immer wieder ein beseeltes „One“ mit in die Luft gerecktem Zeigefinger entgegen. Absolute Weltklasse.

Aber was in die Höhe steigt, kommt auch wieder runter. Und so können weder die Techno-Legenden von The Prodigy noch die Rock ‘n‘ Roll-Dandys von den Strokes das Tempo halten. Während die Strokes den Abend solide und (Achtung!) ohne Skandal zu Ende spielen, kämpft The Prodigy vor allem mit dem schlechten, weil dünnen Sound und dem Zahn der Zeit, der ebenso merklich wie unschön an den Protagonisten einer 20 Jahre alten Jugendkultur nagt. Auch Legenden werden alt. Wie beruhigend.

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