Doppelmörder Jan O.: Die Scham des Vaters ist zu groß

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In Handschellen wird Jan O. gestern in den Gerichtssaal geführt des Landgerichts Göttingen – sein Gesicht verbirgt er mit einem Aktendeckel vor den zahlreichen Fotografen.

Uelzen. Es begann mit fünf Worten, gesendet per SMS. „Das kann nur Jan sein“, schrieb seine Mutter an jenem Novembertag an ihren Ex-Mann Fred O. Sie meinte den Doppelmörder von Bodenfelde. Es war ihr Sohn Jan. Gestern wiederholte der gebürtige Uelzener vor dem Landgericht Göttingen sein umfassendes und grausiges Geständnis vom letzten Jahr.

Währenddessen ist in seiner Heimatstadt Uelzen der Alltag seiner getrennt lebenden Eltern seit der Festnahme des 26-Jährigen völlig aus den Fugen geraten. In Uelzen kennen viele Menschen Familie O. – und Sohn Jan war bei der Polizei Stammkunde. „Er ist sehr häufig bei uns als Tatverdächtiger aufgetreten, praktisch jeder Kollege hatte schon mal mit ihm zu tun“, erinnerte sich Kripochef Jan-Olaf Albrecht nach der Festnahme des Intensivtäters. Über 70 Straftaten füllten die Akten bei der Kriminalpolizei, 2007 verurteilte das Amtsgericht Uelzen Jan zu zwei Jahren und neun Monaten Haft – die Stadt und auch die Eltern hatten vorerst Ruhe vor einem Menschen, dem sie einfach nicht mehr gewachsen waren.

Jan O. ist in der Kindheit zumeist auf sich allein gestellt, die psychisch schwer kranke Mutter vernachlässigte ihn und den Rest der Familie weitestgehend – höchstwahrscheinlich, da sie schon damals mit sich selbst überfordert gewesen war. Der damals Siebenjährige verwahrlost. Immer häufiger muss die Polizei ihn einfangen und zur Hermann-Löns-Schule bringen. Mit 14 Jahren kommen Unmengen Alkohol dazu, Jan verbringt Jahre seiner Jugend im betreuten Wohnen und im Heim. Seinen Drogenkonsum finanziert er mit Diebstählen, auch als Rauschgiftkurier erwischt ihn die Polizei.

„Der Vater hat nie Ruhe gehabt vor dem Jungen“, sagt sein Uelzener Therapeut im Gespräch mit der AZ. Jan O. habe dem heute 54-Jährigen, der seit einem schweren Arbeitsunfall Frührentner ist, immer wieder aufgelauert, er demoliert dem Vater das Auto, schlägt die Fensterscheiben des Einfamilienhauses im Südosten Uelzens ein und bestiehlt ihn. Dabei habe Fred O. alles versucht, um seinen ältesten Sohn doch noch auf den rechten Weg zu bringen. Der Vater schaltete das Jugendamt ein, erbat eine Intensivbetreuung und Unterstützung bei der Erziehung.

Dann die Verurteilung 2007 durch das Amtsgericht Uelzen und im November die Katastrophe - der Sohn ist womöglich ein Doppelmörder. Seit sein Sohn durch die grauenvollen Taten bundesweit Schlagzeilen macht, verlässt der Vater kaum noch das Haus. „Fast alle Bekannten und Freunde haben sich von ihm abgewendet, obwohl er als verantwortungsbewusster Vater besonders unter dem Abgleiten seines Sohnes gelitten hatte. Durch diesen Prozess fällt er nun erneut in ein tiefes Loch, aus dem er sich nach dem Aufdecken der schlimmen Tat vor einem halben Jahr erst gerade mal so langsam wieder herausgearbeitet hatte“, schildert der behandelnde Therapeut.

Der Vater könne kaum ertragen, dass alle Bemühungen vergeblich waren. Zum Prozessauftakt ist er vorsorglich abgetaucht, weg aus Uelzen. Die Scham ist zu groß – und die Angst vor den möglicherweise anklagenden Blicken der Menschen, die ihn kennen, ist für ihn kaum mehr auszuhalten.

Von Thomas Mitzlaff

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