Von Woche zu Woche

Ruhig bleiben in unruhigen Zeiten

1991. Siebte Klasse. Ich lerne den Terror kennen: terror, terroris, maskulinum. Der Schrecken. Auf Latein. Eine harmlose Vokabel. Wie hortus (Garten) oder fenestra (Fenster).

Genauso harmlos kann man sich erschrecken. Vor einer Spinne. Oder durch den Knall einer erst aufgepusteten, dann zerschlagenen Butterbrottüte. Man wird kurz aus dem Konzept gebracht, aber schlimm ist das nicht. Nur: Dafür steht Terror in unserem Sprachgebrauch leider nicht.

Steffen Kahl

Terror steht hier und heute für mehr als eine Schrecksekunde. Steht für maßlosen Schrecken. Für Schreckensherrschaft. Schreckliche Gräueltaten und erschreckende Brutalität. Ausgeführt von Schreckgespenstern wie den blutrünstigen Horden des Islamischen Staates.

Von diesem fühlen sich derzeit alle terrorisiert, sind erschrocken. Denn: Die Ein- beziehungsweise Anschläge rücken näher. Nicht redensartlich scherzend, sondern konkret und gefährlich: Paris ist uns nahe. Von Uelzen nach München fährt man mit dem Auto rund sieben Stunden, nach Paris nur anderthalb mehr. Wir schätzen Croissants und Bordeaux, erfreuen uns gelegentlich an einem Hauch „savoir vivre“. Kabul, Beirut und Aleppo wiederum – allesamt schon lange „bombige“ Reiseziele – sind gefühlt so weit weg wie der Mond. Hannover wiederum: Ein Teil der eigenen Erfahrungswelt.

Auch wenn dort ein Unglück verhindert werden konnte, bleibt die Frage: Wie soll es nach dieser Schrecksekunde beziehungsweise -woche weitergehen? Sollte man als Uelzener die naheliegenden Großstädte Hamburg, Hannover und Berlin meiden? Oder jegliche Fußballspiele? Bars? Clubs? Größere Menschenmengen allgemein? Nein, denn auch ein Leben ohne diese gewohnten Freiheiten wäre schrecklich.

Im übrigen dürfen wir die offenkundig erstarkenden Rechtsextremisten nicht vergessen. Zwischen den Ereignissen von Paris und Hannover brennt auf Usedom eine geplante Flüchtlingsunterkunft. Ein Beispiel von vielen für schrecklichen Terror in unserer Nähe.

Aber bewahren wir Ruhe. Die Behörden werden alles dafür tun, dass die Gewalthoheit im Land weiter beim Staate liegt. Uns bleibt nur, dass wir uns um das Klima des Miteinanders kümmern. Aufeinander zugehen. Reden und zuhören. Nicht vorverurteilen und stigmatisieren. Allen, die am islamistischen und rechten Rand der Gesellschaft weiter für die demokratische Grundordnung offen sind, müssen wir mitteilen: „Wir sind eine gute Gesellschaft – macht mit!“ Nur so wird unser Land die Qualitäten Freiheit und Frieden behalten können und der Schrecken ein Ende finden – mit der kleinen Einschränkung: Quod erat demonstrandum...

Von Steffen Kahl

Rubriklistenbild: © dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare