Die Ruhe vor dem Sturm

Fest in der Hand der Bundespolizei: Die Jeetzelbrücke ist mit Stacheldraht und Überwachungskameras ausgestattet.

Gorleben - Von Thomas Mitzlaff. Sie rüsten auf für den Tag X. Die Dörfer im Wendland mit gelben Kreuzen, Fahnen, Strohpuppen und viel Fantasie – die Polizei mit Stacheldraht, Kameras und modernster Technik. Wo sonst beschauliche Ruhe herrscht, fährt man jetzt kaum einen Kilometer ohne die argwöhnischen Blicke aus Streifenwagen durch die Landschaft.

Vor allem entlang der Bahnstrecke von Lüneburg nach Dannenberg erinnert die Szenerie eine Woche vor dem nächsten Castor-Transport an einen überdimensionalen, rund 54 Kilometer langen Hochsicherheitstrakt. Denn über diesen Schienenweg quer durch die Göhrde muss der Castor Anfang November rollen. Gibt es von Frankreich bis nach Lüneburg diverse Linienvarianten und von der Umladestation in Dannenberg bis zum Zwischenlager bei Gorleben zumindest noch zwei mögliche Routen, so hat man für die Bahnstrecke bis Dannenberg keine Alternative. Es ist die Ruhe vor einem Sturm, der am ersten November-Wochenende geschätzte 17 000 Polizisten und zigtausend Demonstranten auf die Beine bringen wird.

Von Protestlern ist im Verlauf der Woche noch wenig zu sehen, von der Staatsmacht dafür umso mehr. Bahnhof Hitzacker. In der kleinen Bahnhofshalle ist der Fahrkartenschalter geschlossen, Verkauf nur stundenweise. Ein Bahnhof mit dem Charme der 60er Jahre. Von einem Zug ist nichts zu sehen, von Reisenden sowieso nicht. Doch am Ausgang zum einzigen Gleis herrscht reges Treiben. Einsatzkräfte in Grün, soweit das Auge reicht. Sie verlegen Stacheldraht, bauen Absperrgitter auf. Gegenüber Journalisten ist man betont schweigsam.

Auf der „anderen Seite“ ist man dafür umso gesprächiger: „Natürlich bin ich gegen das Lager hier“, sagt der 64-jährige Uwe Oldenburg. Wenigstens komme der Zug mit dem Giftmüll diesmal wenigstens am Sonntag: „Das ist nicht ganz so geschäftsschädigend.“ Oldenburg hat einen Reifenhandel, „Import und Export“, nebenan in Meudelfitz. Wenn der Castor kommt, umzingelt die Polizei sein Grundstück. „Aus Angst, dass Demonstranten sich sonst bei mir Reifen holen und auf der Bahnstrecke anzünden“, sagt der 64-Jährige.

Nach Hitzacker muss der Zug Pisselberg passieren. Die dortige Brücke über die Jeetzel können Spaziergänger nur aus der Ferne sehen. Sie ist weiträumig gesichert mit Stacheldraht. Kameras können jeden Winkel einsehen, Scheinwerfer erleuchten die Brücke auch nachts taghell. Für den Fall der Fälle stehen Polizeiboote bereit. Hier hatten die Einsatzkräfte vor Jahren eine schwere Schlappe einstecken müssen, brennende Strohballen auf einem Anhänger unter der Brücke hatten das Bauwerk erheblich beschädigt. Das soll nicht noch einmal passieren.

Um die Ecke ist Dannenberg. Hier wird sich der Protest wieder konzentrieren. Die berühmte Esso-Wiese neben der gleichnamigen Tankstelle ist zentraler Treffpunkt für Tausende von Demonstranten. Einen Steinwurf entfernt ist ein Bahnübergang, dahinter die Verladestation, in der die Castoren vom Zug auf Sattelschlepper gehoben werden. Demonstranten campen hier noch nicht, in der Tankstelle herrscht Alltagsbetrieb. In zehn Tagen wird hier die Hölle los sein. Scharmützel auf dem Gelände, während drinnen verkauft wird rund um die Uhr. „Das geht dann schon mal zur Sache hier“, sagt die Verkäuferin.

Dass der Castor letztlich wieder sein Ziel erreichen wird, ist hier jedem klar. Aber man darf „niemals aufgeben“, mahnt ein großes Transparent an einer Hauswand gut sichtbar für die vielen Polizeikräfte. Und sie wissen: Es ist die Ruhe vor dem Sturm.

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