Pendler plaudern aus dem Nähkästchen: Von Zeitvertreib und stürmischen Fahrten

Die Ruhe auf dem Weg

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Norman Freitag geht das Pendeln gelassen an. „Ich sehe das nicht als verschenkte Zeit“, sagt der 30-Jährige und zückt die Zeitung. Um seine Freundin zu besuchen, fährt er regelmäßig von Braunschweig nach Hamburg.

Uelzen. Geduldig müssen sie sein und oft kann auch ein dickes Nervenkostüm nicht schaden: Pendler tummeln sich in den Zügen, während andere gerade aus ihren tiefen Träumen erwachen.

7.04 Uhr am Hundertwasser-Bahnhof: Es herrscht einträchtige Ruhe in den Waggons, als sich der Metronom langsam in Bewegung setzt – Kaffeeduft liegt in der Luft, von irgendwoher dringt leise Musik. Der „ME 82108“ gewinnt an Fahrt – viele Passagiere derweil nicken noch einmal ein. „Man ist schon früh aus dem Haus und erst spät zu Hause“, erzählt Gabriela Schulz. Die Uelzenerin hat es sich in einem Dreisitzer bequem gemacht, im Hintergrund verschwimmen die vorbeiziehenden Bäume zu einem einzigen grünen Schatten. Jeden Morgen macht sich Schulz auf den Weg zur Arbeit nach Lüneburg, selten ohne einen treuen Reisebegleiter in der Tasche: die Zeitung. Mit einer druckfrischen Ausgabe und einem backfrischen Brötchen überraschten am Montag die AZ-Mitarbeiter alle frühen Fahrgäste im Metronom in Richtung Hamburg.

Ein paar Plätze weiter tippt Wolfgang Ehemann konzentriert auf einem Tablet-PC – er liest seine Zeitung als E-Paper. Seit mehr als zehn Jahren pendelt Ehemann zwischen Bad Bevensen und Hamburg und hat dabei schon einiges erlebt: Von netten Gesprächen und „wechselseitiger schlechter Laune“ über medizinische Noteinsätze, Türen, die partout nicht schließen wollten und... Ehemann will gerade noch etwas hinzufügen, da unterbricht ihn die Stimme des Schafners: „Schäden an der Oberleitung“, lautet die Mitteilung aus dem Lautsprecher. Ehemann grinst: „Das ist der Klassiker. Aber im Schnitt ist die Bahn schnell und zuverlässig.“

Genau das schätzt auch Andreas Lächelt am Zugfahren. Während er sich auf den Weg zur Arbeit nach Harburg begiebt, sitzt seine Frau in der Bahn nach Hannover. „Uelzen ist die Mitte“, erklärt der 26-Jährige. Dem Pendeln kann er auch etwas Positives abgewinnen: nämlich die Ruhe.

Der Gegenpart beim Umstieg in Lüneburg: Kaum fährt die Bahn ein, drängen sich Reisende hinter der weißen Linie. Etwas abseits beobachtet Björn Schlüter das Treiben – zu seiner Rechten ein Fahrrad. Das möchte er heute mit nach Holzminden verfrachten – pendeln für Fortgeschrittene also. Zehn Stunden Fahrt nimmt der Grömitzer für sein Studium wöchentlich in Kauf. Mittlerweile erkennt er sogar einen Schaffner an der Durchsage. Ob Pendler geduldig sein müssen? „Man muss sich schon darauf einstellen, dass es zu Komplikationen kommt“, sagt Schlüter und erinnert an den Sturm im vergangenen Dezember. „Und Verständnis sollte man haben, weil das ja meist nicht an der Bahn liegt.“

Ebenso gelassen sieht das Norman Freitag, der regelmäßig seine Freundin in Hamburg besucht. Sein Credo: Nicht lang darüber nachdenken, einfach einsteigen. „Ich sehe das nicht als verschenkte Zeit.“

Von Anna Petersen

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