Rückkehr in den Alltag

Janine Höfer lebt seit mehr als acht Jahren in Japan. Foto: Privat

Uelzen. In Japan hört man häufig die Sätze „Shikata ga nai“ oder „shou ga nai“, was so viel bedeutet wie „Da kann man nichts machen“. Die gebürtige Uelzenerin Janine Höfer kennt diese Haltung sehr gut. Sie lebt seit mehr als acht Jahren ständig in Japan, zunächst in Tokio/ Stadt Nishitokyo. Im vergangenen Jahr zog sie mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern an die Stadtgrenze nördlich von Tokio, in die Stadt Niiza, Präfektur Saitama – etwa 300 Kilometer entfernt von dem beschädigten Atomkraftwerk in Fukushima.

Da ihr Mann, ein gebürtiger Iraner, ebenfalls bereits seit 19 Jahren in Japan lebt und mittlerweile auch die japanische Staatsangehörigkeit hat, steht es für Janine Höfer und ihre Familie nicht zur Diskussion, trotz der Aufrufe des Auswärtigen Amtes, aus dem Land auszureisen. „Die Vorsichtsmaßnahme, Japan in Richtung Heimat zu verlassen, ist sicherlich richtig“, erklärt die 36-Jährige, deren Vater gebürtiger Uelzener und deren Mutter Japanerin ist, „denn viele, die hier nur berufs- oder studiumsbedingt sind, werden sicher Schwierigkeiten gehabt haben, die Nachrichten hier genau zu verstehen und die Situation einzuschätzen“, vermutet sie. Sie selbst beobachtet fast ständig Websites mit Geigerzählern, die in der Stadt Hino in Tokio und Umgebung aufgestellt sind, und informiert sich über die japanischen wie auch westlichen Medien, über spezielle Internetseiten und tauscht sich mit anderen per Facebook über den aktuellen Stand der Lage in Fukushima aus. „Die Nachbeben, die wirklich nervenaufreibend sind, die Lebensmittel- und Benzin-Engpässe, die Strom-Abschaltungen oder der gedrosselte Bahnverkehr sind sicher für viele weitere Gründe gewesen, nach Deutschland zurückzufliegen. Aber für uns, die Japan lieben und als Wahlheimat gewählt haben, und deren Lebensmittelpunkt hier ist, war das nie ein Thema“, sagt die freiberufliche Übersetzerin. Für sie steht fest, dass sie sich im Notfall auf den Weg nach Westen in die Stadt Fukui machen, wo sie Freunde haben, sobald „die Werte des Geigerzählers derart ausschlagen sollten, dass die Gesundheit gefährdet wird“.

Die Diskussion über das mangelnde Informations-Management durch die japanische Regierung hält die Japanologin für unverständlich. 24 Stunden brächten die Medien die neuesten Entwicklungen, inklusive Nuklear-Experten und Berichterstattungen des Regierungsvertreters Yukio Edano. Sie und auch andere Ausländer, die das Land nicht verlassen haben, vermuten, „dass die Statements der Regierung beziehungsweise Nachrichten aus Japan nicht wahrheitsgemäß übersetzt worden sind“ und Sensationslust dahinter stecke. Zumindest lenke es von den großen Tragödien in der von Erdbeben und Tsunami betroffenen Region ab.

„Heute morgen liefen Reportagen von den betroffenen Gebieten in Nordostjapan über die Zufluchtsstätten“, berichtet Janine Höfer. „Dort waren einige Gymnasiasten, die selbst nicht wissen, ob ihre Eltern leben oder nicht, und die sich aufopfernd um die älteren Menschen dort gekümmert haben. Man sah die älteren Leute sogar lächeln. Man ist eben nicht allein, sondern alle helfen sich gegenseitig, so gut es geht. Das gibt Kraft und Hoffnung.“

Kraft geben möchten sie auch selbst, indem sie spenden und Strom sparen. „Mein Mann und ich verdanken Japan sehr viel und wir sehen es als unsere Pflicht an, als ein Teil dieser Gesellschaft mitzuhelfen, diese unsagbare Krise wieder in den Griff zu bekommen, das heißt, so schnell wie möglich wieder zum Alltag zurückzukehren und seinem Job nachzugehen“, sagt die zweifache Mutter mutig. „Denn Tokio ist die Wirtschaftsmetropole und ohne seine Finanzkraft würde Japan sich so schnell nicht wieder erholen.“

Etwas „Positives“ könne man in dem Sinne abgewinnen, dass Dank des Stromsparens die grellen Reklamelichter in der Stadt abends nun ausgeschaltet sind und wegen des Benzin-Engpasses viele ihr Auto zu Hause lassen und Fahrrad fahren. Janine Höfer zitiert einen vom Tsunami betroffenen Japaner, der zu ihr sagte: „Wir geben nicht auf! Wir müssen nach vorne schauen und nicht zurück!“

In Uelzen gibt es am Freitag ein Benefizkonzert. Seite 23

Von Diane Baatani

Kommentare