„Nur nicht hinsehen“ heißt es bei der Führung in der Nähe der Baustellen

Reise durch historische Innenstadt

Ein Fingerabdruck aus der Zeit der Ziegelherstellung.

Uelzen. Uelzen ist schön – Uelzen bleibt schön. Zumindest, wenn nicht die Baustellen an einigen Stellen den Anblick verunzieren würden. Eine Stadtführung zeigt deutlich, dass die hässlichsten Stellen nicht allzusehr ins Gewicht fallen.

Gästeführerin Margret Drögemüller mit einer Gruppe aus Gästen von nah und fern. Von den derzeitigen Baustellen in der Uelzener Innenstadt hat Drögemüller ihre Zuhörer fern gehalten. Fotos: Jansen

„Breite Marktstraßen charakterisieren Uelzen seit Jahrhunderten“, erzählt Gästeführerin Margret Drögemüller bei der historischen Stadtführung. Während die Nachbarstädte als Residenzstädte für herrschende Köpfe gegründet worden waren, sei Uelzen eine von ihren Bürgern erbaute Stadt, die mit 25 Meter breiten Marktstraßen ausgestattet worden sei. „Das ist das Besondere an Uelzen“, berichtet Drögemüller begeistert. Sie zieht am Samstagvormittag mit einer kleinen Gruppe durch die Innenstadt, am belebten Markttreiben vorbei. Diese breiten Straßen zeichnen die Stadt aus und seien seit Jahrhunderten einmalig in ganz Norddeutschland. „Beachten Sie die T-Form der Marktstraßen“, fordert Drögemüller ihre Zuhörer auf. „Dabei war die Gudestraße Richtung Berlin ausgerichtet die wichtigste Handelsstraße nach Berlin.“

Eineinhalb Stunden berichtet Drögemüller mit großer Begeisterung über die Kostbarkeiten der historischen Innenstadt. Ein Beispiel ist das Gildehaus mit seiner gegliederten Fassade. Der gotische Backsteinbau mit seinen verzierten Giebeln und glasierten Ziegeln vermittelt einen Eindruck davon, wie zahlreiche Häuser vor dem großen Brand im Jahr 1646 ausgesehen haben, die Bürger entlang der Marktstraße damals bauten.

Andere Beispiele sind das alte Rathaus, die Hannemannsche Twiete, Propstei, St. Marien-Kirche, Stadtmauer und Stadtgraben, Herzog-Ernst-Eiche und Uhlenköper-Denkmal und die Ratsweinhandlung.

Wortreich erläutert Drögemüller einschneidende geschichtliche Ereignisse, die zu dem Nebeneinander von gotischen Bauwerken, neuzeitlicher Fachwerkbauten und moderner Gebäude im Stadtbild führten. Mal deutet sie nach oben, auf die Spitze der Ellerndorfkapelle an der Südseite der gotischen St. Marienkirche gelegen, „wo der Wimpel beim Wiederaufbau der fünf Propheten sichtbar bleiben sollte.“ Ein anderes Mal richtet sie den Blick ihrer Zuhörer auf die Eingangsplatte des Fachwerkhauses, in dem das Reisebüro Bodenstedt seinen Sitz hat. „Alte Grabplatten des früher in der Nähe der Kirche gelegenen Friedhofes fanden überall in der Stadt Verwendung und wurden neu verbaut.“

Dann bittet sie die Gäste, einen Ziegelstein an der St. Marienkirche zu berühren. „Was hier aussieht, als handele es sich um eine neuzeitliche Verwitterung, ist in Wahrheit ein Fingerabdruck, der zur Zeiten der Ziegelherstellung entstanden ist“, klärt sie die Besucher auf. „In der eigenen Stadt sieht man oft die eigenen Schätze nicht.“

Mit Augen, Ohren und Händen lernen ihre Gäste an diesem Vormittag auch die verborgenen Schätze der historischen Altstadt Uelzen begreifen. „Es gäbe noch so vieles, was ich Ihnen zeigen könnte“, berichtet die engagierte Gästeführerin zum Abschluss des Rundganges und ermuntert die interessierte Besuchergruppe, sich weitere Bauwerke anzuschauen. „Den Gang zum Schnellen-Markt erspare ich Ihnen“, bedauert sie, „der sieht im Moment nicht schön aus“ und auch als sie schräg gegenüber des Gildehauses ihre Gruppe um sich herum versammelt, lenkt sie geschickt das Interesse auf das „im Welfischem Gelb“ gestrichene Alte Rathaus. „Bloß nicht in diese Lücke da hineinsehen!“ murmelt Drögemüller mit einem Seitenblick auf den Platz, wo zuvor das Café Harder stand.

Von Angelika Jansen

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