Mit regionaler Herkunft punkten

Die Kartoffelernte hat begonnen, die ersten Kartoffelroder sind auf den Feldern unterwegs.

Uelzen/Landkreis - Von Jürgen Köhler-Götze und Jörn Nolting. Wolfram Siebeck, der Obergourmet der Nation, fordert es seit Jahren: „Schafft regionale Markenprodukte und lasst sie schützen.“ Und bei dieser Forderung hatte er durchaus nicht nur das Bresse-Geflügel als Vorbild vor Augen, sondern er dachte auch an Kartoffeln.

Die sind in der Heideregion seit Anfang des Monats von der EU in die Liste der geografisch geschützten Nahrungsmittel aufgenommen worden. Im Klartext: So wie Schwarzwälder Schinken selbstverständlich nur aus dem Schwarzwald kommen darf, Nürnberger Lebkuchen aus Nürnberg stammen muss und Lübecker Marzipan aus Lübeck, so müssen Lüneburger Heidekartoffeln aus der Region Lüneburger Heide stammen. Und zwar nicht irgendwoher aus der Lüneburger Heide: Das „Official Journal of the European Union“ listet penibel auf, dass Kartoffeln, die dieses Prädikat tragen wollen, aus den Landkreisen Celle, Gifhorn, Lüchow-Dannenberg, Lüneburg, Soltau-Fallingbostel und Uelzen stammen müssen. Auch Kartoffeln aus Visselhövede im Landkreis Rotenburg/Wümme dürfen sich mit dem Prädikat schmücken, nicht aber die aus dem Amt Neuhaus, das zwar zum Landkreis Lüneburg gehört, aber eben nördlich der Elbe liegt.

Außerdem dürfen nur Kartoffeln die Herkunftsbezeichnung führen, die festkochend oder vorwiegend festkochend sind und in der Handelsklasse „Extra“ auf den Markt kommen. Und selbstverständlich kümmert sich die EU auch um die Größe der Knollen. Mindestens 30 Millimeter müssen die länglichen Knollen im Durchmesser aufweisen, die runden gar mindestens 35 Millimeter. Beschrieben werden die Kartoffeln als gelbfleischig, hell, mit weicher Schale. Und auch bestimmte Anbauvorgaben werden gemacht. Die Düngung mit Stickstoff beispielsweise darf 160 Kilogramm pro Hektar abzüglich des pflanzenverfügbaren Stickstoffs im Ackerboden nicht überschreiten. Mehr Stickstoff würde nämlich den Kartoffelgeschmack beeinträchtigen.

„Nicht schlecht“, findet Bio-Kartoffelbauer Karsten Ellenberg aus Barum die Klassifizierung, „aber man soll das auch nicht überbewerten.“ Ihm fällt sofort der Champagner ein, der ja auch aus der Champagne stammen muss. „Es ist eine Orientierungshilfe für den Verbraucher, aber die reicht nicht aus.“ Unbedingt müsse die Sorte mit auf dem Etikett stehen und auch die Anbaumethode spiele eine entscheidende Rolle. Er persönlich spielt sogar mit dem Gedanken, Kartoffeln – ähnlich wie Wein – nach Jahrgängen zu klassifizieren. Dass die Heidekartoffeln einen vorzüglichen Ruf genießen, weiß er. Aus seinem Hofladen wanderte erst kürzlich eine komplette Ladung in den Kofferraum eines Kombis: Auftragseinkäufe einer Münchnerin für ihre Freunde in Süddeutschland. Dennoch: Alle seine Kartoffeln kann er nicht unter dem Label vertreiben. Weder seine blauen noch die roten Kartoffeln, die er anbaut, passen zu den EU-Vorgaben. „Da müssen wir dann das ‚Lüneburger‘ bei den Heidekartoffeln wohl weglassen.“

Auch Kreislandwirt Thorsten Riggert unterstützt das neue Markenzeichen. „Es hat drei bis vier Jahre gedauert, bis es soweit gekommen ist“, blickt der Kreislandwirt zurück. Damit erreicht man ein Alleinstellungsmerkmal im Bereich der Speisekartoffel – und das bundesweit. „Wir können über die regionale Herkunft Punkte sammeln“, ist sich Thorsten Riggert sicher. In den nächsten Tagen treffen sich die Erzeuger mit den Kartoffelabnehmern. „Die Erzeuger und die Abnehmer müssen sich selbst verpflichten, nur Kartoffeln aus der Region an den Handel weiterzugeben“, gibt der Kreislandwirt zu bedenken.

Ohnehin werden die ersten Lüneburger Heidekartoffeln zur Ernte 2011 auf den Markt kommen, denn zuvor müsse das „Verfahren zur Anerkennung und Kontrolle der Herkunftsbezeichnung durchlaufen werden“, wie die Marketinggesellschaft der niedersächsischen Land- und Ernährungswirtschaft mitteilt. Die ist Rechtsträgerin des Schutzverfahrens wird eine „Schutzgemeinschaft Lüneburger Heidekartoffel“ gründen und fordert Kartoffelerzeuger, -abpacker, -verarbeiter und -vermarkter aus der Region auf, sich an der Entwicklung und Gestaltung zu beteiligen.

In der Herkunftsregion Lüneburger Heide werden rund 40 Prozent der in Niedersachsen geernteten Kartoffeln (2009 rund 5,5 Mio. Tonnen) angebaut.

In Niedersachsen stehen mit den Lüneburger Heidekartoffeln, dem Ammerländer Katenschinken, dem Ammerländer Knochenschinken, der Diep-holzer Moorschnucke und der Lüneburger Heidschnucke jetzt fünf Produkte unter dem EU-Herkunftsschutz. Insgesamt tragen etwa 900 Produkte in der EU eine „geschützte geografische Angabe“.

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