Nach Aktion gegen Rechts-Terror

Reaktionen auf die Razzia in Wriedel: „Bei uns geht die Sorge um“

Vermummte Polizisten bei einem Einsatz: Wie Zeugen berichten, trugen auch die in Wriedel eingesetzten Beamten Sturmhauben, als sie schwarzen Zivilfahrzeugen entstiegen.
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Vermummte Polizisten bei einem Einsatz: Wie Zeugen berichten, trugen auch die in Wriedel eingesetzten Beamten Sturmhauben, als sie schwarzen Zivilfahrzeugen entstiegen.

Uelzen/Landkreis – Im Zuge des Vorgehens gegen eine rechtsterroristische Vereinigung kommen aus Ermittlerkreisen immer schlimmere Details ans Tageslicht. Von Waffenfunden ist die Rede: Pistolen, Äxte, Schwerter.

Zur Herstellung von Sprengstoff geeignetes Material soll gefunden worden sein, von äußerster Entschlossenheit einzelner Mitglieder der Vereinigung wird in Ermittlerkreisen gesprochen.

Wenn der Terrorzirkel nicht vorigen Freitag auf Weisung der Generalbundesanwaltschaft an zwölf Orten in ganz Deutschland, auch in der Gemeinde Wriedel, ausgehoben worden wäre, hätten vor allem Moscheen oben auf der Liste der geplanten Anschläge gestanden.

Polizei Uelzen hält die Augen offen

Die Polizei Uelzen nimmt sich des Themas intensiv an: „Wir reagieren sofort, wenn Gefahrenaspekte erkennbar werden, auch in diesem Fall“, betont Dieter Klingforth, Leiter des Polizeikommissariats Uelzen: „Wir sind auf die Lage sensibilisiert, bei den Streifenfahrten wird noch mehr auf die Sicherheit der Moschee in der Ringstraße geachtet. Zum Glück haben wir aber keine Hinweise auf eine konkrete Gefährdung.“ Wer Hinweise auf Extremisten in seiner Nachbarschaft habe, könne sich jederzeit vertrauensvoll an die Polizeistationen melden oder online Anzeige erstatten: „Wir brauchen keine juristisch fundamentierte Einschätzung, das übernehmen wir. Aber im Zweifel ist es besser, sich lieber an die Polizei zu wenden“, betont Klingforth.

Muslime warnen vor extremistischer Gefahr

Aiman Mayzek, Zentralrat der Muslime. 

Und wie reagieren die Menschen, die potenzielle Ziele hätten werden sollen? Dazu sprach die AZ mit Aiman Mayzek, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland: „Die Stimmung ist nicht gut, deutsche Muslime sind stark verunsichert und haben das Gefühl, dass zu wenig für ihren Schutz gemacht wird – angesichts der rapiden Zunahme des antimuslimischen Rassismus in unserem Land. Fast jeden zweiten Tag werden Moscheen, muslimische Einrichtungen und Repräsentanten angegriffen, wie die Bundesregierung auf eine große Nachfrage vor zwei Tagen im Deutschen Bundestag bestätigt hat.“

Auf die Frage, ob es eine Gefahr für das Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen und Deutschland gibt, antwortet Mayzek: „Am besten kann man gegensteuern, wenn die richtige und wichtige Aussage, dass es egal ist, welches Gotteshaus angegriffen wird, weil wir dann alle angegriffen werden, ernst genommen wird. Solidarität muss sichtbar und hörbar sein. Aber das fehlt bisweilen, weil Muslime in den letzten Jahrzehnten zunehmend im Kontext negativer Diskurse vorkamen. Das rächt sich jetzt und schadet am Ende unserer Demokratie.“

Der Vorsitzende des Zentralrats führt weiter aus: „Es gibt vereinzelt Schutzmaßnahmen für Moscheen und muslimische Einrichtungen. Das reicht aber bei Weitem nicht. Spätestens nach den terroristischen Attacken in Christchurch und Halle sowie beim Fall Lübke muss jedem klar sein, das dieses Phänomen mit polizeilichen, aber vor allem mit politischen und gesellschaftlichen Mitteln bekämpft werden muss.“

„Wir reden nicht mehr nur von Theorie“

Mohammad D. Majoka, Sprecher Ahmadiyya.

„Es geht Sorge um – auch in unserer Gemeinschaft“, sagt auch Dr. Mohammad Dawood Majoka, Sprecher von Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland. Die nach eigenen Angaben 40.000 Mitglieder starke Religionsgemeinschaft, die auch schon in Uelzen mit einer Veranstaltung aktiv war, propagiert einen strikt gewaltlosen Islam und ist in Hamburg sowie Hessen als als öffentlich-rechtliche Religionsgesellschaft anerkannt.

Dr. Majoka: „Es ist in der Tat besorgniserregend, dass es solche Leute und Vereinigungen gibt. Wir reden nicht mehr von Theorie, wir alle haben den Anschlag in Neuseeland vor einem Jahr über die Medien miterlebt.“ Zum Glück erfahre seine Gesellschaft auch viel Zuspruch und Solidarität aus der nicht-muslimischen Bevölkerung. Dennoch: „Es gibt eine kleine, laute Randgruppe, aus der sich rechte Extremisten rekrutieren. Diese muss vom Staat genauestens betrachtet werden.“

Keine Informationen vom LKA

Immer noch hüllen sich die Ermittler über die Details zu den Razzien in sechs Bundesländern in Schweigen. Auf AZ-Anfrage, ob das Landeskriminalamt in Wriedel mit Einheiten im Einsatz war, verweist Sprecherin Nevin Ayyildiz auf die Bundesanwaltschaft. Von dort heißt es zu den konkreten Einsätzen jedoch: „Derzeit keine weiteren Informationen.“ Auffällig sind aber die Beschreibungen von Zeugen, die ausschließlich schwarze Zivilfahrzeuge in Wriedel im Einsatz gesehen haben, was für eine Beteiligung von Landes- oder Bundeskriminalamt spricht. Ihnen entstiegen bewaffnete Beamte mit Sturmhauben – ebenfalls Indiz für den Zugriff von Einsatzkommandos aus Land oder Bund.

VON MICHAEL MICHALZIK

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