Keine Angst mehr, entdeckt zu werden: Alfa-Mobil hilft Analphabeten aus der Anonymität

Damit das Versteckspiel ein Ende hat

Der Info-Stand des Alfa-Mobils machte gestern Halt am Uelzener Herzogenplatz
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Kerstin Schnepper (links) und Juliane Averdunk (rechts) vom Alfa-Team informieren zusammen mit Lernbotschafterin Ulla Schmidt über Lernmöglichkeiten für Betroffene.

Was steht hier? Mehr als jeder zehnte Uelzener hat Schwierigkeiten damit, diesen Online-Artikel zu lesen oder eine Nachricht zu schreiben. Das Alfa-Mobil des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung tourt durch ganz Deutschland, um Betroffene zum Lernen zu ermutigen. Gestern machten die Berater am Uelzener Herzogenplatz halt.

Uelzen - Bundesweit gelten über sechs Millionen Menschen als funktionale Analphabeten. Viele Menschen mit Lese- und Schreibschwächen trauen sich aus Scham nicht, Hilfsangebote wahrzunehmen oder mit anderen über ihre Defizite zu sprechen, berichten Juliane Averdung und Kerstin Schnepper vom Alfa-Team. Mit ihrem Info-Stand wollen sie deshalb besonders das Umfeld der Betroffenen ansprechen und über Lernmöglichkeiten informieren.

In Uelzen trifft das Alfa-Team auf reges Interesse und „viele aufgeschlossene Menschen“, wie Juliane Averdung erzählt. So haben die Berater schon nach wenigen Minuten eine erste Kurs-Anmeldung verzeichnen können.

Die Analphabeten entwickeln oft aufwendige Strategien, um unentdeckt zu bleiben. Wenn es brenzlig wurde, habe sie einen Toilettengang oder eine verlorene Brille vorgetäuscht, sagt Ulla Schmitt. Sie begleitet das Team als Lernbotschafterin und kennt den Leidensweg der Betroffenen aus eigener Erfahrung. Mit ihrer Erfolgsstory möchte Schmitt andere motivieren und vorhandene Hemmungen abbauen.

Angebote der KVHS

Ab dem kommenden Semester bietet die Kreisvolkshochschule (KVHS) wieder kostenlosen Kurse in Uelzen und Lüchow an, die sich primär an Teilnehmende mit deutscher Muttersprache richten. Den Teilnehmenden werden Schreibtechniken vermittelt, die es ihnen ermöglichen, die Situationen des täglichen Lebens leichter zu meistern. Die Kurse finden ab dem 3. September immer freitags von 12.30 Uhr bis 14 Uhr statt. Nähere Informationen bei Janina Fuge unter (0581) 9764917 oder fuge@allesbildung.de

Man müsse auf schauspielerisches Können zurückgreifen, sagt sie. Obwohl Schmitt schon zu Schulzeiten kaum Lesen und Schreiben konnte, gelang es ihr, über Jahre in der Laptopbranche auf Führungsebene zu arbeiten. Dafür habe sie aber auch deutlich mehr Zeit als andere investieren müssen und die Hilfe ihres Mannes benötigt, bis die Panik, erkannt zu werden, überhandnahm. Schmitt fasste sich ein Herz und besuchte Lese- und Schreibkurse an der Volkshochschule.

Ihre Entscheidung hat sie nicht bereut: Mit dem Lesen klappt es mittlerweile gut, sagt die Lernbotschafterin stolz. „Beim Schreiben hapert es aber noch etwas.“ Deshalb besucht sie weiterhin einmal die Woche einen Kurs an der Volkshochschule. Ulla Schmidt hat zudem die Selbsthilfegruppe Wortblind in Lüneburg gegründet, um Betroffenen aus der Anonymität zu helfen. Sie macht deutlich: „Wenn du nicht rechnen kannst, holst du dir einen Taschenrechner. Aber was machst du, wenn du nicht lesen kannst?“

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