„Mama, der hat mich angefasst!“

Uelzen: Prozess um sexuellen Missbrauch eines kleinen Jungen (7) gestartet

Tagungsteilnehmer betrachten bei einer Fachtagung zur Prävention von sexuellem Missbrauch eine Präsentation.
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Einem 57-jährigen, der seinen Hauptwohnsitz im Süden Deutschlands hat, wird vorgeworfen, einen Siebenjährigen letztes Jahr in Uelzen sexuell missbraucht zu haben. Das Urteil in dem Prozess soll nächste Woche fallen.
  • Lars Becker
    VonLars Becker
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Am Donnerstag hat vor dem Jugendschöffengericht am Amtsgericht Uelzen der Prozess gegen einen 57-jährigen gebürtigen Uelzener wegen sexuellen Missbrauchs eines siebenjährigen Jungen aus seiner unmittelbaren Nachbarschaft begonnen. Das Urteil wird nächste Woche gefällt.

Uelzen – Seit Donnerstag verhandelt das Jugendschöffengericht am Amtsgericht Uelzen unter dem Vorsitz von Richterin Dr. Claudia Hagemann gegen einen 57-Jährigen aus Uelzen wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes aus unmittelbarer Nachbarschaft.

Konkret wirft die Anklage dem verheirateten Mann vor, am 26. Juli vergangenen Jahres sexuelle Handlungen an einem siebenjährigen Jungen selbst vorgenommen zu haben und darüber hinaus auch dessen Hand zu seinem eigenen Geschlechtsteil geführt zu haben. Das alles soll in einem etwa 30- bis 45-minütigen Zeitfenster im Wohnzimmer des Angeklagten passiert sein, als der Junge mit seinem älteren Bruder alleine war, weil die Mutter den Vater zu einem Bekannten nach Holdenstedt gefahren hatte.

Angeklagter legt kein Geständnis ab

Laut Anklage nutzte der 57-Jährige dabei die hilflose Lage des Jungen aus, der auf dem laut Staatsanwältin von einer zwei Meter hohen Mauer gut abgeschirmten Grundstück offenbar nur nach seiner Katze schauen wollte. Die trieb sich offenbar auch an jenem Tag in den Sommerferien 2020 wieder beim Nachbarn herum – eigentlich wie immer, wenn der Mann mit Hauptwohnsitz viele hundert Kilometer entfernt in Uelzen war.

Die Eltern treten im Prozess als Nebenkläger auf. Der Angeklagte ließ über seinen Verteidiger eine Erklärung abgeben, in der er betonte, weder pädophile Neigungen zu haben noch die Tat begangen zu haben. Er verstehe die Vorwürfe nicht. Sein Sexualtrieb sei in Folge einer Operation ohnehin nicht mehr ausgeprägt.

„Notdübel, wenn die Schmerzmittel nicht helfen“

Polizeibeamte hatten bei der vorläufigen Festnahme des Mannes eine Blutprobe entnommen, die einen Wert von fast 2,4 Promille ergeben hatte. Nach eigener Aussage hatte der gebürtige Uelzener anhaltende Schmerzen mit mehr als einer Flasche Wodka betäubt. Er sei jedoch kein Alkoholiker. Schnaps sei ein „Notdübel, wenn die Schmerzmittel nicht helfen.“

Im Gerichtssaal wurde das Video einer gut 30-minütigen Vernehmung des Siebenjährigen vorgespielt, die fast auf den Tag genau einen Monat nach der angeklagten Tat bei der Polizei in Lüneburg von Richterin Hagemann selbst durchgeführt worden war. Darin schildert der kleine Junge, wie ihn der Nachbar „an die Hand genommen und zu sich rübergezogen“ habe.

Auf dem Sofa sitzend habe er ihn nach seinem Namen und dem Alter gefragt, dann Jeans und die Unterhose bis zu den Knien heruntergezogen und sein Glied mit Daumen und Zeigefinger nach oben und unten bewegt. „Dann hat er sich seine Hose auch heruntergezogen und wollte, dass ich das bei ihm mache. Ich habe ,Nein‘ gesagt. Er hat meine Hand genommen und das gemacht“, sagt der Kleine in dem Video.

Junge vertraut sich seinem Bruder an

Schier unglaublich das Ende der angeklagten Vorkommnisse: So soll der Mann nach einigen Minuten gesagt haben, der Junge solle aufhören. Er solle das „trainieren“, weil er „nicht begabt“ sei. So führte es die Staatsanwältin auch wortwörtlich in der Anklage aus. Und er dürfe niemandem davon erzählen, sonst bekomme er Ärger.

Unmittelbar danach vertraute sich der Siebenjährige aber seinem älteren Bruder an, der wiederum sofort seine Mutter auf dem Handy anrief. Zögerlich schilderte das junge Opfer dann selbst, was passiert war: „Mama, der hat mich angefasst!“

Vater kommt zeitgleich mit der Polizei nach Hause

Sie rief die Polizei. Zeitgleich mit Eintreffen der Beamten kam auch der Vater wieder zuhause an. Ihn hatte die Mutter nicht direkt informiert, warum sie eilig nach Hause musste – aus Sorge, er könne „da rüber gehen und Blödsinn machen“, wie der Vater selbst als Zeuge aussagte. „Einfach nur grausam, ich kann so etwas nicht nachvollziehen“, sagte er.

Und seine Frau betonte mit stockender Stimme unter Tränen: „Ich war schockiert, weil ich dachte, sexueller Missbrauch passiert doch nicht im eigenen Umfeld.“ Der ältere Bruder des mutmaßlichen Opfers wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen.

Weitere Zeugen, Plädoyers und das Urteil

Zwei weitere Zeugen sollen am zweiten Prozesstag nächste Woche gehört werden. Daran werden sich die Plädoyers der Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung anschließen, ehe voraussichtlich das Urteil fällt. Ein kurzes Rechtsgespräch blieb am Donnerstag ohne Erklärung seitens des Angeklagten und seines Rechtsbeistandes. Möglicherweise wäre im Falle eines Geständnisses eine Bewährungsstrafe denkbar gewesen, wie Richterin Dr. Hagemann sagte.

Die größte Sorge neben den nicht abschließend zu bewertenden psychischen Folgen für den Siebenjährigen im Nachgang der Vorfälle ist die betroffene Familie möglicherweise bald los. Sie selbst will eigentlich schon länger umziehen, um einen Schlussstrich ziehen zu können. Jetzt aber werde der Angeklagte sein Haus Anfang August verkaufen, kündigte der Rechtsanwalt an.

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