Prayon fordert ihr Publikum

Christine Prayon kann sich echauffieren, ohne dabei laut zu sein: Die Kabarettistin war nun im Neuen Schauspielhaus zu Gast.
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Christine Prayon kann sich echauffieren, ohne dabei laut zu sein: Die Kabarettistin war nun im Neuen Schauspielhaus zu Gast.

Kabarettistin Christine Prayon ist bekannt durch ihre Auftritte in der „Heute-Show“. Bei ihrem Gastspiel in Uelzen blickt sie in Monologen und Dialogen auf die Gesellschaft und ihre Auswüchse.

Uelzen – Nach wenigen Minuten ist klar: Hier hat eine Frau die Bühne betreten, die ihr Publikum fordern will. Christine Prayon hat die Clownsnase, mit der sie noch ein fröhliches „Gut’n Abend“ in Mainzelmännchen-Manier geträllert hatte, abgenommen, um darüber zu philosophieren, wie eine Gesellschaft von morgen aussehen könnte, in der Menschen frei „ohne Herrschaft und Hierarchie“ leben.

Prayon blickt an diesem Abend im Neuen Schauspielhaus auf unsere Gesellschaft, spricht über „rechts und links“, über Kapitalismus und Kommunismus, stellt Fragen und übt mal direkt, mal verpackt Kritik an Strömungen und Zeitgeschehen – es werden 100 Minuten mit Monologen, Dialogen, Radiosendungen, fiktiven Nachrichten und Figuren.

Kabarettistin Christine Prayon, studierte Germanistin, ist einem breiten Publikum durch ihre Auftritte in der Comedy-Sendung „Heute-Show“ im ZDF bekannt. Dort agiert sie als die fiktive Birte Schneider. Im Neuen Schauspielhaus ist sie mal sie selbst, dann wieder schlüpft sie in unterschiedliche, teils ambivalente Charaktere. Das Gesagte unterstreicht sie mit ihrer starken Mimik. Sie vermag sich zu echauffieren und wirkt dabei doch nicht laut.

Eine der Rollen, in die sie an diesem Abend schlüpft, ist jene des „größten Comedian aller Zeiten“, des „Grökotz“. Er fragt, ob sein Publikum die „totale Comedy“ wolle, lästert über Ausländer und Frauen, das einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

In einer sich anschließenden Talkrunde wird im Dialog mit dem Grökotz deutlich, dass seine Aussagen nur Show waren, er nur das vortrug, was für ihn geschrieben worden ist. Authentisch ist der Grökotz damit nicht, aber erfolgreich. Er folgt dem Mainstream, nicht seinen Überzeugungen. Das ist Gesellschaftskritik, verpackt in einem Dialog zwischen fiktiven Figuren.

Prayons Programm hat mitunter absurde Stellen, wenn sie beispielsweise erklärt, dass „Jingle Bells“ eigentlich ein deutsches Lied war und „Schinken-Pelz“ hieß. Mit so nüchterner Stimme und voller Überzeugung trägt Prayon die Geschichte des Liedes vor, dass einem das Aberwitzigste als möglich erscheint. Es folgt ein Satz, der alles entlarvt: „Es geht nicht um die Wahrheit, es geht um die Glaubwürdigkeit.“

Nach 100 Minuten entlässt Prayon ihr Publikum. Das geht mit Sätzen nach Hause, die nachhallen.

VON NORMAN REUTER

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