Postberge nach Österreich

Einen krebskranken Jungen wie diesen Patienten (rechts) in der Universitätskinderklinik Leipzig stellten sich vermutlich zahlreiche Uelzener Praxen vor, als sie sich am Kettenbrief beteiligten. Foto: dpa

Uelzen. Der größte Wunsch eines krebskranken Jungen soll in Erfüllung gehen: Mit einem Kettenbrief möchte der Siebenjährige ins Guinnessbuch der Rekorde aufgenommen werden. So heißt es in dem Brief, der an das Landesklinikum Donauregion im österreichischen Tulln an der Donau adressiert ist und in dem Ort vermutlich auch zum ersten Mal losgeschickt wurde. Diesem sehnlichen Wunsch folgen auch Ärzte, Therapeuten und Apotheker aus dem Landkreis Uelzen. Sie unterschreiben den Brief, vervielfältigen ihn und schicken ihn an zehn Firmen, Praxen, Krankenhäuser weiter, eine Version lässt jeder der Teilnehmer den Kollegen in Tulln zukommen.

In den vergangenen Monaten gab es wohl kaum eine Praxis im Landkreis Uelzen, die diesen Kettenbrief nicht erhalten hat. Physiotherapeut Reinhard Schülke aus Uelzen hat nachgehakt. „Man nimmt ja nicht alles kritiklos hin“, sagt er. Im Internet ist er beim ersten Suchbegriff sofort auf einen fünf Jahre alten Beitrag zu diesem Thema gestoßen, der die Existenz des Krebskranken anzweifelt.

Der Junge, der in diesem Kettenbrief beschrieben wird, müsste mittlerweile 19 Jahre alt sein. Denn seit zwölf Jahren kursiert der Brief in Österreich und im Ausland und überschwemmt den Briefkasten des Krankenhauses. „Bitte beantworten Sie derartige Briefe nicht und leiten Sie diese auch nicht weiter, es handelt sich um ein seit Jahren immer wiederkehrendes ,Phänomen’, unter dem wir leider auch ,leiden’“, antwortet Reinhard Koller, Pressekoordinator des Landesklinikums, auf AZ-Nachfrage. „Es sind Unmengen an Briefen, das kann man gar nicht beschreiben“, fügt seine Kollegin Friederike Harmer hinzu. „Es ist immer toll, wenn jemand anruft und nachfragt.“ Allerdings sei die Zahl derjenigen, die nicht anrufen und einfach den Kettenbrief weiterschicken, um Einiges größer.

Vor zwölf Jahren sei der damals Siebenjährige tatsächlich bei ihnen in Behandlung gewesen. „Das Kind gibt es aber seit zwölf Jahren nicht mehr bei uns“, betont sie. Ob der Junge die Krebserkrankung überstanden habe, darüber möchte sie keine Auskunft geben. „Dabei hätte dieser Kettenbrief ohnehin überhaupt keinen Nutzen“, sagt Harmer.

Doch vermutlich hat die emotionale Unterstützung des erkrankten Kindes für die Teilnehmer an dieser Kette hohe Bedeutung. So vervielfältigte eine Ergotherapeutin aus Leer ebenfalls diesen Brief exakt zehnmal und schrieb dazu: „Da mein Sohn mit zehn Jahren ein ähnliches Schicksal erleiden muss, fällt es mir umso leichter, dies zu unterstützen.“

Von Leer ging eine Linie wieder nach Berlin, die nach Hamburg und schließlich nach Uelzen ausstrahlte. „Eigentlich die Anregung durch die anderen Kollegen, die auch unterschrieben haben“, sei es gewesen, weshalb sie sich an dem Kettenbrief beteiligte, erklärt eine Uelzener Ärztin. Doch genau diese Anzahl an Namen hat Physiotherapeut Schülke irritiert. „Erst habe ich gedacht, dass das eine Adressensammlung ist.“ Zunächst fragte er sich, was mit den vielen Praxis-Adressen wohl angestellt werde. „Es ist schon unseriös, wie man mit den Daten umgeht“, kritisiert er. Und dass an den Briefdaten zu erkennen ist, dass die Geschichte schon seit Jahren kursiert, hat ihn ebenfalls nachdenklich gemacht. „Man wundert sich, wie einfältig die Menschen sind“, sagt er kopfschüttelnd.

Es sei keine Seltenheit, dass er unseriöse Briefe in seiner Praxis erhalte. „Es kommt schon mal vor, dass ich per Brief die Anfrage erhalte, ob ich mir einen Doktor-Titel holen will.“ Einmal monatlich sei es auch üblich, dass er darüber benachrichtigt werde, in einem Telefonbuch abgespeichert zu sein. Damit gehe dann zum Beispiel eine Zahlungsaufforderung von monatlich 700 Euro einher. Aber einen Kettenbrief dieser Art hat er zuvor noch nicht in den Händen gehalten, sagt er.

Von Diane Baatani

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