Dr. Sebastian Fischer: "In die Diskussion einschalten!"

Politikwissenschaftler analysiert Online-Kommentare zu AZ-Flüchtlings-Artikeln

+
Ein Thema kontrovers diskutieren zu können, gehört zu den Grundprinzipien in einer Demokratie. In Online-Kommentaren kommt es dabei immer häufiger zu heftiger Hetze. Warum? Und: Was kann man dagegen tun? Einmischen!, rät ein Experte.

Uelzen. Die Flüchtlingsberichterstattung verursacht reichlich Kommentare auf AZ-online und auf der Facebook-Seite der AZ. Nur zum Teil geht es dabei um eine sachliche Diskussion.

Vielfach liegen die Beiträge im Grenzbereich dessen, was als verantwortbare Meinungsäußerung anzusehen ist. Das, was diesen Rahmen zu deutlich sprengt, wird von unseren Online-Redakteuren gelöscht. Die Meinung unserer Leser ist uns aber ganz und gar nicht egal, deswegen haben wir Dr. Sebastian Fischer gebeten, die „Hass-Kommentare“ für uns anzuschauen. Fischer ist Rechtsextremismus-Experte am Institut für Politische Wissenschaft der Leibniz . Universität Hannover.

Herr Fischer, nachdem Sie rund 40 – teils gelöschte – Kommentare zu unserer Flüchtlingsberichterstattung gelesen haben: Was ist ihr Eindruck?

Fremdenfeindlichkeit äußert sich hier in zwei Argumentationskomplexen. Der eine ist geprägt von einem klassisch biologisch-rassistischen Denken. Die Fremden sind demnach grundsätzlich anders und bringen Krankheiten zu uns. Aids und Syphilis werden genannt. Die zweite Stoßrichtung ist die, dass auf einer populistischen Ebene ein deutsches Kollektiv postuliert wird, das von maßlosen Flüchtlingen ausgenutzt wird. Flüchtlinge werden als illegitime Eindringlinge dargestellt.

Was ist daran falsch?

Zunächst wird bei der Argumentation zu kurz gedacht, verkannt, dass es sich um ein weltpolitisches Problem handelt. Wenn man sich vor Augen führt, dass in den jordanischen Flüchtlingslagern pro Kopf nur 50 Cent für die Versorgung zur Verfügung stehen, wird einem die erbärmliche Situation sicher schnell klar. Die Syrer würden mehrheitlich dort bleiben, wo man sie versteht, wo die Heimat nicht weit weg ist. Ohne absolute Not, den Hunger, würden diese Menschen den Weg nach Europa nicht auf sich nehmen. Es gibt für sie derzeit keine Alternativen.

Das Problem liegt also ganz woanders?

Ja, streng genommen müssten die Versäumnisse der Politik, die kurzfristigen Lösungen angeprangert werden. Die Kommentare richten sich aber gegen die Opfer dieser Politik. Erst wenn eine große Anzahl von Menschen in Deutschland ankommt, wird politisch reagiert. UNHCR macht seit langem auf die immer katastrophaler werdende Lage in den Flüchtlingslagern rund um Syrien aufmerksam, trotzdem weigerten sich die EU und auch die reichen Golfstaaten, angemessene Hilfe zu leisten.

Inwiefern gibt es einen Zusammenhang zwischen den Kommentaren und extremistischen Tendenzen im rechten Spektrum?

Im Grunde werden hier wie da zwei Diskurse geführt. Der erste ist der sogenannte „Herr-im-Haus-Standpunkt“. In diesem Diskurs wird teils sehr vehement auf die Nation bezogen argumentiert. Kategorien wie die grundgesetzlich verbürgte Menschenwürde spielen kaum eine Rolle. Stattdessen ist der Tenor: „Deutschland den Deutschen“. In diesem Zusammenhang muss man auch den sogenannten „fröhlichen Party-Patriotismus“ wie bei der Fußball-WM 2006 in Deutschland kritisch sehen. Denn wenn sich die Stimmung aufheizt, kann es schnell gefährlich werden für die, die als nicht zugehörig gedacht werden. 

Und der zweite Diskurs?

Das ist der sogenannte Ethnopluralismus der neuen Rechten. Hier wird gefordert, dass Kulturen sich nicht vermischen dürfen. Kulturen werden dabei in ahistorischer Weise als statisch und homogen gedacht. In der Forschung spricht man vom „Marionetten-Modell“ – die Menschen werden als vollkommen bestimmt von ihrer vermeintlichen Herkunftskultur gedacht, analog zur Marionette an ihren Fäden. Der Islam wird in diesem Zusammenhang pauschal als rückschrittliche, bedrohliche Kultur dargestellt, die nicht „abendländisch“ ist, wie es bei Pegida heißt. Diese Argumentation der neuen Rechten gewinnen seit den 1980er Jahren an Bedeutung. Im konservativen Sachsen fällt sie auf besonders fruchtbaren Boden – obwohl dort der Anteil von Muslimen an der Bevölkerung lediglich 0,2 Prozent beträgt.

Wie fruchtbar ist der Boden für Rechte im Norden?

Die Unterschiede zu bestimmten Regionen in Sachsen sind noch groß. Das Problem ist, dass die große Zahl der Menschen, die kommen, die Dynamik der Ereignisse, Ängste erzeugt. Wenn ein kleines und armes Land wie Jordanien aber zwei Millionen Menschen aufnehmen kann, kann das ein reiches Land wie Deutschland allemal. Hier ist insbesondere auf Folgendes hinzuweisen. Langfristig wird sich der Wohlstand in Deutschland nur erhalten lassen, wenn durch Zuwanderung dem demographisch bedingten Verlust an Arbeitskräften begegnet werden kann.

Wieso funktioniert dann Rechtspopulismus so gut?

Grundsätzlich unterscheidet die Forschung drei Ebenen. In sozial schwachen Bevölkerungsschichten findet der sogenannte rebellische Rechtsextremismus statt, der sich gegen „die da oben“ und das Fremde äußert. In bestimmten Teilen der Mittelschicht denkt man, dass die Verhinderung von Zuwanderung den Wohlstand verteidigt. In der Spitze der Gesellschaft, auf der Führungsebene und in den Chefsesseln, herrscht der Leistungsgedanke. Diese Menschen haben sich nach oben kämpfen müssen. Hier denkt man sich, es ist ungerecht, wenn jemand etwas umsonst bekommt. Das ruft dann Wut hervor.

Das heißt, Rechtspopulismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen?

Das ist das eigentliche Problem. Neonazis und gewaltbereite Skinheads sind prinzipiell eine kontrollierbare Population für die Sicherheitsbehörden. Wir beobachten derzeit aber eine „verrohte Bürgerlichkeit“. Die Diskussion um die Thesen von Thilo Sarrazin macht auf problematische Entwicklungen in der politischen Kultur aufmerksam. Die Leserbriefe bzw. Kommentare scheinen von Menschen zu kommen, die sich einbringen wollen in die Gesellschaft, sich dabei aber stark angepasst verhalten, also die das unhinterfragt tun, was man von ihnen erwartet. Die haben Arbeit, sind in Vereinen engagiert und so weiter. Vermeintlich abweichendes Verhalten wird von diesen Menschen ausgesprochen kritisch gesehen und bewertet. Auch das ist eine Entwicklung im rechten Spektrum.

Woher kommt der Hass?

Wenn Menschen glauben, dass eine Politik gegen ihre Interessen betrieben wird und sie sich in der Mehrheit wähnen, dann werden sie deutlich, die Meinungen werden extrem zugespitzt formuliert. Diesen Mehrheits-Anspruch formulieren beispielsweise auch Teilnehmer an Pegida. Sie skandieren „Wir sind das Volk“ und bei ihren Veranstaltungen – ich habe die teils enorm aufgeheizte Stimmung erlebt – rufen sie „Volksverräter!“, „Widerstand!“, „Lügenpresse!“ und „Abschieben!“. Es bestehen hier gewisse Parallelen zu Online-Foren, in denen es keine Widerworte gibt. Gerade, wenn sich Menschen beteiligen, die sich viel bei Medien bedienen, die die eigene Auffassung bekräftigen. Die Leute werden dann richtig wütend!

Das heißt, dass es wichtig wäre, diese Foren nicht aufzugeben?

Unbedingt! In diese Diskussionen sollte man sich unbedingt mit seiner Gegenmeinung einschalten.

Und mit welchen Argumenten?

Zum Beispiel damit, dass die Vorbehalte empirisch nicht belegbar sind. Syrien war vor dem Krieg ein modernes Land mit zum Teil sehr guten Universitäten. Oder: In Deutschland haben derzeit 30 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund einen Fachhochschulabschluss oder Abitur und nur 28,5 Prozent von denen ohne Migrationshintergrund.

Was kann erreicht werden?

Bei einigen Menschen sicherlich nichts. Es gibt Untersuchungen, die genau zeigen, dass Menschen mit extrem rechter Einstellung schon auf der Wahrnehmungsebene in einer ganz bestimmten Art mit Informationen umgehen. Man spricht in der Forschung von einer hermetischen Denkweise. Informationen werden nicht mehr rational verarbeitet, sondern es wird quasi reflexartig versucht, mit den eigenen Antworten das zu entkräften, was die eigene Überzeugung infrage stellt.

Was kann dann noch Hoffnung machen?

Die Mehrheit der Menschen weiß, dass rechtspopulistische Parolen keine Probleme lösen. Ängste können durch Information abgebaut werden. Aufklärung kann hier viel erreichen.

Von Steffen Kahl

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare