POLITIKER-PORTRÄTS OHNE POLITIK Jürgen Markwardt, Bürgermeister-Kandidat für Uelzen

Interview mit Jürgen Markwardt: Der ältere Bruder als persönlicher Kompass

Jürgren Markwardt  und Prof. Hans-Helmut Decker-Voigt im Interview
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Jürgen Markwardt (rechts) liebt Malcesine am Gardasse und erinnerte sich im Gespräch mit Prof. Hans-Helmut Decker-Voigt gerne ans Gulasch seiner Mutter, das er nach eigenen Angaben inzwischen auch selbst nachkochen kann.

Die Allgemeine Zeitung der Lüneburger Heide hat in Zusammenarbeit mit ihrem Kolumnisten Prof. Hans-Helmut Decker-Voigt eine „untypische Interviewserie“ mit den insgesamt zehn Bürgermeisterkandidaten für die Hansestadt Uelzen, für die Samtgemeinde Suderburg und für die Einheitsgemeinde Bienenbüttel zur Kommunalwahl am 12. September konzipiert. Diese endet heute nach der Vorstellung der fünf Bewerber für Suderburg, deren zwei für Bienenbüttel und den ersten beiden für Uelzen – jeweils in alphabetischer Reihenfolge – heute mit dem letzten Kandidaten der Kreisstadt: Jürgen Markwardt. Er ist parteilos, wird aber von der SPD unterstützt. Außerdem haben Bündnis 90/Die Grünen eine Wahlempfehlung für ihn ausgesprochen.

Unter dem Wichtigsten, was Sie je gelernt haben – was wäre es?

Jürgen Markwardt: Es ist nicht immer so, wie es auf den ersten Blick scheint. Sowohl bei menschlichen sowie bei sachlichen Zusammenhängen lohnt immer ein zweiter Blick.

Bitte nennen Sie einen Ihrer „Lieblingsorte“.

Markwardt: Gardasee, genauer Malcesine.

Die Welt ist voller Vorurteile. Welches würden Sie – wenn Sie könnten – als erstes tilgen?

Markwardt: Vorurteile machen mir weniger aus als Neid und Missgunst.

Wenn Sie außer Ihrem jetzigen Beruf und dem früheren einen anderen anstreben wollten – welcher wäre das?

Markwardt: Arbeit mit Kindern – Lehrer.

Stellen Sie sich vor, Sie erben irgendwo auf der Welt eine Ferienwohnung – und wissen, dass Sie sie nie verkaufen werden. Wo wäre die?

Markwardt: Siehe oben – Malcesine am Gardasee.

Denken Sie an gegenwärtig lebende Schauspieler. Wenn einer dieser Ihre Person spielen sollte – wer wäre das?

Markwardt: Tom Hanks.

Beschreiben Sie bitte eine Person unter Ihren Lehrerinnen und Lehrern, die Sie besonders positiv beeinflusste.

Markwardt: Das war einer meiner Lehrer. Offen, zugewandt, er akzeptierte mich, obwohl ich nicht einfach war. Er sah und akzeptierte mich, wie ich war, nicht wie er mich haben wollte.

Um ausgeglichener oder noch ausgeglichener zu sein – was müssten Sie ändern?

Markwardt: Ich neige des Öfteren dazu, das Gute noch verbessern zu wollen. Das trägt nicht immer zu meiner Ausgeglichenheit bei. Da wünschte ich mir manchmal ein wenig mehr Gelassenheit.

Ein Großteil unserer Gesetzeswerke basiert auf den zehn Geboten. Wenn Sie ein elftes hinzufügen könnten – wie hieße es?

Markwardt: Wir brauchen eigentlich keine zehn Gebote. Es reicht die goldene Regel, wie sie auch in den meisten Weltreligionen formuliert ist: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Wenn sich alle daran hielten, hätten wir die allermeisten Probleme gelöst.

Denken wir an wissenschaftliche Entdeckungen oder Entwicklungen in der Menschheitsgeschichte – welche würden Sie der Menschheit zu Liebe rückgängig machen wollen?

Markwardt: Natürlich liebe ich Vielfältigkeit. Im Blick auf manche Verstehensprobleme und Vorurteile im Alltag wünschte ich mir, dass der Turmbau zu Babel nicht gewesen wäre und wir eine gemeinsame Weltsprache sprächen.

Wenn ein Kind Sie fragen würde, was Politik ist – wie lautete Ihre Antwort?

Markwardt: Politik ist ein bisschen so wie in einer Familie: Alle sind unterschiedlich, manchmal mag man sich, manchmal vielleicht auch nicht. Aber alle tragen gemeinsam die Verantwortung für das Wohlergehen der Familie. Und so streiten und vertragen wir uns über den besten Weg dorthin.

Erinnern Sie bitte eine Mahlzeit – ein Essen, das Sie an Ihre Herkunftsfamilie erinnert. Welches wäre das?

Markwardt: Gulasch, das meine Mutter wunderbar kochte. Inzwischen kann ich es auch.

Wir leben alle von konstruktiver Kritik und positivem Feedback. Wenn Sie einen Engel oder eine Fee hätten, der Ihnen jeden Tag etwas Positives in Ihr Ohr flüstert – was würden Sie am liebsten hören?

Markwardt: Du hast heute wieder die Chance, etwas Gutes zu bewirken.

Es gibt Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Künste. Wenn Sie sich ein außergewöhnliches Talent wünschen würden – welches wäre das?

Markwardt: Musik zu gestalten, Klavier zu spielen.

Derzeit amtiert Papst Franziskus. Wenn Sie in der Privataudienz nur einen Satz zu ihm sagen könnten – wie würde der lauten?

Markwardt: Ich wünsche Ihnen viel Kraft für die dringenden Reformen wie zum Beispiel die Abschaffung des Zölibats und die Aufhebung des Verbots der Antibabypille.

Angenommen, Sie denken über sich und Ihre Nachwelt nach – was wäre es, womit Sie der Nachwelt gerne bekannt bleiben würden?

Markwardt: Wenn gesagt würde: Er war einer von uns.

Wie gehen Sie mit Unvorhersehbarem um?

Markwardt: Es erschreckt mich nicht – ich habe in meinen unterschiedlichen Leitungsfunktionen lernen dürfen, dass das Unvorhergesehene eher die Regel ist.

Bezugspersonen die Sie prägten – erinnern Sie sich bitte an ein positives Beispiel.

Markwardt: Mein Bruder Carsten, in vielen Dingen des privaten und dienstlichen Lebens. Er ist und bleibt mein persönlicher Kompass.

Welches Märchen fällt Ihnen vielleicht gerade ein?

Markwardt: Dornröschen, auch weil ich die Poetry-Slam-Fassung des Märchens in meinem persönlichen Repertoire habe und aufführe.

Bitte nehmen Sie jetzt einen anderen Platz ein, so, dass Sie den Platz sehen können, auf dem Sie eben saßen. Bitte beschreiben Sie einmal das Wesen dieses Menschen dort.

Markwardt: Zugewandt, offen, neugierig, ungeduldig, selbstreflektiert, manchmal etwas grüblerisch, empathisch.

Gibt es eine Frage, die ich Ihnen noch stellen soll, damit Sie diese beantworten können?

Markwardt: Wie ist der private Jürgen Markwardt? Antwort: Alle Antworten von eben spiegeln mein privates Ich. Ich möchte immer authentisch bleiben.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Die Fragestellungen dieser Serie wurden angeregt von:

• „Erzähl mal!“, Das Familienquiz (E. van Vliet)

• Evelyn McFarlane/James Saywell: „Das Buch vom Wenn“ (Herder, 2000)

• Roger-Pol Droit: „Fünf Minuten Ewigkeit – 101 philosophische Experimente“ (Hoffmann und Campe, 2002)

• oder stammen aus Interaktionsspiel-Sammlungen der Seminare von Hans-Helmut Decker-Voigt und Paolo J. Knill

Der Interview-Gast – Jürgen Markwardt

• geboren am 21. Februar 1968 in Hamburg

• Großteil der Jugend und als junger Erwachsener in und um Lüneburg verbracht (Grundschule Westergellersen, Gymnasium Lüneburg-Oedeme)

• lebt seit 2006 in Uelzen

• geschieden, Vater von zwei erwachsenen Töchtern (20/22), Lebensgefährtin hat eine Tochter in die Patchwork-Familie eingebracht

• 1985 Eintritt in den Polizeidienst

• Studium an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege in Hildesheim 1995 als Diplom-Verwaltungswirt abgeschlossen

• von 1999 bis 2001 Studium an der Polizeiführungsakademie Münster-Hiltrup (heutige Hochschule der Polizei)

• ab 2004 Polizeichef im Landkreis Uelzen, ab 2008 Leiter der Hubschrauberstaffel in Hannover

• vom 1. April 2010 bis 31. Oktober 2014 Erster Stadtrat von Uelzen

• seit 2014 Bürgermeister

• in der Freizeit gerne als Läufer im Stadtwald unterwegs, liest gerne

Der Hintergrund – Wer stellt die Fragen?

Hans-Helmut Decker-Voigt, Prof. Dr. Dr. h.c.mult.

• ist seit 1980 Kolumnist der AZ

• Studium der Musik und Erziehungswissenschaften in Deutschland, Expressive Therapie und Psychologie in den USA

• Lehrstuhlinhaber und Gründungsdirektor des Instituts für Musiktherapie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg von 1990 bis 2010, Übersetzungen in 16 Sprachen

• letzte Gastprofessur in St. Petersburg 2019/2021

• mehrfacher Ehrendoktor, unter anderem der Medizin und der Kunstwissenschaften

• Schriftsteller (Roman, Erzählung, Kolumne)

• Gründungsmitglied des Verbandes deutscher Schriftsteller

• Mehr im Internet auf www.decker-voigt-archiv.de

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