Rudi M. war über 30 Jahre spielsüchtig, nun leitet er in Uelzen eine Selbsthilfegruppe

„Plötzlich ist man Herr der Knöpfe“

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In Spielhallen und Casinos tauchte Rudi M. in eine Scheinwelt ab. Noch heute brechen die Fingernägel seiner Daumen, mit denen er die Automatentasten bedient hat.

sob Uelzen. Haus, Frau, Kinder, Job – irgendwann, vor 32 Jahren, hielt Rudi M. * dem Druck, der auf ihm lastete, nicht mehr Stand. Er habe sich beruflich und privat zu hohe Ziele gesetzt, blickt der 50-Jährige zurück.

Manche griffen dann zur Zigarette, die anderen zum Glas Wein. Wer schlau sei, mache nach der Arbeit Sport, gehe spazieren und fahre dann nach Hause – M. ging in die „Halle“: „’ne halbe Stunde spielen nach der Arbeit, um den Druck wegzukriegen. Man taucht ab in eine Scheinwelt. Plötzlich ist man Herr der Knöpfe und verballert 50 Euro, egal ob man gewinnt oder verliert. “.

Black Jack und Roulette mochte M. am liebsten, aber auch an Automaten spielte er. Sein Leben glitt ihm aus der Hand, nicht nur 50, sondern 200 Euro pro Monat verprasste er schließlich in Spielhallen und Casinos. „Sucht ist umgewandelter Frust des Lebens“, erklärt es M.. Der Suchtdruck sei die eine Facette, der Kontrollverlust die andere. „Das Geld, dass du im Portemonnaie hast, ist weg. Oder du spielst so lange, bis es weg ist.“ 20 Jahre habe ihn das nicht gekümmert, doch dann kamen Zweifel auf. Zweimal ließ er sich für je drei Jahre deutschlandweit in Spielhallen sperren, doch der Suchtdruck war größer – er fuhr nach Dänemark, um dort zu spielen.

2013, so sagt M., habe er sich aus seiner Spielsucht „rausprogrammiert“. Um seine Sucht finanzieren zu können, habe er mehr arbeiten müssen und dadurch einen Burnout erlitten. M. gab seinen Job auf, verließ seine Familie, lieh sich Geld und kaufte sich ein Flugticket. Ziel: Las Vegas. Um abzuschließen. „Ich hatte für nichts mehr Kraft“, erinnert sich M., „ich wollte nicht zurückkommen.“

Doch er kam zurück. „Ich habe mich befreit“, sagt Rudi heute. Er habe sich mit Spiritualität auseinandergesetzt und nicht nur seine Spielsucht, sondern sein ganzes Leben aufgearbeitet. Auch wenn es offiziell keine Heilung gibt, sagt er: „Der Spieldruck ist weg, ich bin geheilt“. Jetzt, zwei Jahre später, hat M. einen neuen Job und leitet gleichzeitig die Anonyme Selbsthilfe für Spieler Uelzen (Asuel). „Jeder hat ein anderes Problem, das ihn da reinreißt“, weiß der 50-Jährige. Und: Es gibt immer mehr Betroffene.

Spieler seien tendenziell eher Einzelgänger, weiß M., aber das Reden in der Gruppe könne helfen. Die meisten kämen durch eine externe Motivation – das heißt Druck von der Familie, vom Gericht – in eine Selbsthilfegruppe oder in eine Therapie. „Dann ist das Ganze zum Scheitern verurteilt“, ist sich der Ex-Spieler sicher. So sei es vor zwölf Jahren auch bei ihm gewesen, als seine damalige Partnerin von ihm verlangte, eine Therapie zu machen. „Der habe ich was vorgespielt“, sagt M. und ergänzt: „Spieler sind Schauspieler, Lügner. Bei Alkoholabhängigen riecht es jeder. Bei Spielern kann man es nicht erkennen.“ Spielfrei zu sein, betrachtet M. als zweite Chance: „Es ist ein Glücksgefühl, nicht mehr spielen zu müssen.“

 

*Name von der Redaktion geändert

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