Kommentar

Planungen für A 39 laufen und die Bahn stiehlt sich aus der Pflicht

Die Planungen für die A 39 laufen, die Deutsche Bahn will ihre Nord-Süd-Trasse als Alpha-E-Variante neu bauen, und auf der Strecke Uelzen-Stendal, der „Amerikalinie Ost“, wirft der zweigleisige Ausbau seine Schatten voraus.

Von oben betrachtet wird die Region Uelzen in der Zukunft scheinbar von Großprojekten umzingelt, die die rasant zunehmenden Verkehrsströme kanalisieren sollen.

Doch die Vogelperspektive offenbart nicht die gesamte Tragweite. Wer den Fokus auf den Uelzener Südkreis richtet, stellt fest, dass die Veränderungen weitaus tiefer gehen und die Bürger viel unmittelbarer treffen werden. Zum Beispiel in Wieren. Dort hat die Bahn jetzt einen Infoabend abgehalten und den Zuhörern beinahe beiläufig mitgeteilt, dass die Zahl der Züge auf der „Amerikalinie Ost“ dramatisch zunehmen wird. Statt bisher 79 Züge werden in Wieren und Umgebung im Jahr 2030 nicht weniger als 258 pro Tag erwartet. Entsprechend werden sich die Schließzeiten der Bahnschranken um das Vier- bis Fünffache erhöhen. Innerhalb einer Stunde werden die Schranken auf der L 270 in Wieren dann bis zu 43 Minuten geschlossen bleiben, eventuell sogar noch länger.

Die Folgen kann sich jeder ausmalen. Vor den Bahnübergängen werden sich die Fahrzeuge in endlosen Schlangen stauen. Feuerwehren und Krankenwagen werden von geschlossenen Schranken gestoppt, Rettungseinsätze sich dadurch erheblich verzögern. Es wäre ein unzumutbarer Zustand. Züge bekämen Vorrang vor Menschenleben – ein alptraumhaftes Szenario.

Die Deutsche Bahn könnte etwas dagegen tun, doch sie stiehlt sich aus der Pflicht. Über den Rückbau der Bahnübergänge und die Schaffung von Brücken und Unterführungen, mit denen die „Amerikalinie Ost“ umfahren werden kann, sind, bitte schön, das Land und die Kommunen verantwortlich. Diese dürfen dann auch den Löwenanteil der Kosten für die Ersatzbauwerke übernehmen.

Der Bund als Eigentümer der Deutschen Bahn will sich mit gerade mal einem Drittel daran beteiligen. Und im schlimmsten Fall, so hat die Bahn beim Infoabend in Wieren zugegeben, rollen die Züge im Jahr 2030 zweigleisig über die Strecke Uelzen-Stendal, aber Brücken oder Tunnel sind wegen des langwierigen Planverfahrens und der schwierigen Finanzierung noch nicht in Sicht.

Doch so geht es nicht. Wenn die Bahn ihr Prestigeprojekt, den Ausbau der „Amerikalinie Ost“, realisieren will, muss sie die Interessen der Bürger und des Straßenverkehrs viel stärker berücksichtigen und deutlich mehr Geld für Ersatzbauwerke bereitstellen. Und sie muss für den bestmöglichen Lärmschutz entlang der Bahnstrecke sorgen, um die Geräuschbelastungen des ausufernden Zugverkehrs einzudämmen.

Den Bürgern bleibt nur die Chance, im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens ihre Sorgen und Nöte zu schildern und ihre Forderungen zu artikulieren. Das sollten sie konsequent und nachhaltig tun.

Von Bernd Schossadowski

Rubriklistenbild: © dpa

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