Offene Türen in der Geschlossenen

Patienten werden in der Lüneburger Psychiatrie nicht mehr eingesperrt – das Vorbild ist Uelzen

+
Seit ihrer Eröffnung im Jahr 2007 hält die Psychiatrische Klinik Uelzen ihre Türen für die Patienten tagsüber offen. Das bedeutet laut Chefärztin Ulrike Buck aber nicht, dass jeder gehen kann, wie er will.

Uelzen. Es ist eine Nachricht, die viele Bürger überraschte und so manchen gar entsetzte: Die Psychiatrische Klinik Lüneburg hat seit dem 1. November die Türen all ihrer Stationen – bis auf die Forensik, in der Straftäter behandelt werden – geöffnet.

Was für einige unglaublich klingt, ist in Uelzen seit elf Jahren Alltag. Die Psychiatrische Klinik Uelzen setzt seit ihrer Eröffnung 2007 auf offene Türen, anstatt ihre Patienten einzusperren.

Auf den fünf verschiedenen Stationen in Uelzen sind Menschen mit den unterschiedlichsten psychischen Erkrankungen untergebracht: Depressionen, Psychosen, Demenz und Suchterkrankungen, um nur einige zu nennen. All diese Patienten können theoretisch die Klinik und das Gelände tagsüber verlassen. „Dass unsere Türen nicht verschlossen sind, heißt aber nicht, dass jeder tun und lassen kann, was er will“, stellt Chefärztin Dr. Ulrike Buck klar. Denn auf den Stationen 1 und 2, auf denen beispielsweise Menschen mit Demenz oder Psychosen untergebracht sind, sitze den ganzen Tag über eine Pflegekraft, die sowohl die Türen als auch die Patienten genau im Blick behält: „Die ist genau informiert, wer alleine raus darf und wer nicht.“

Zwar sei es schon vorgekommen, dass mal ein Patient „entwischt“ ist. „Aber weil wir die Patienten ständig im Blick haben, bekommen wir das schnell mit“, berichtet die Chefärztin. In so einem Fall werde sofort die Polizei informiert, die den umherlaufenden Patienten immer sehr schnell zurückgebracht hat.

Straftäter seien in der Uelzener Psychiatrie ohnehin nicht untergebracht. Und Patienten, die in ihrem geistigen Zustand eine Gefahr für sich oder andere darstellen, würden natürlich nicht nach draußen gelassen, erklärt Dr. Ulrike Buck. „In solchen Ausnahmefällen kann es dann auch sein, dass wir die Türen mal abschließen müssen.“

Diesen Schritt hin zu mehr Autonomie und weniger Stigmatisierung ihrer Patienten geht nun auch die Psychiatrische Klinik in Lüneburg, die jetzt auch ihre letzten beiden geschlossenen Stationen öffnet. Bisher durften die Patienten diese Stationen auch schon verlassen – allerdings erst nachdem das Pflegepersonal auf einen Türöffner gedrückt hat. „Wir haben von Kliniken, die schon offene Stationen haben, erfahren, dass die Aggressionen bei ihren Patienten weniger wurden“, berichtet Klinik-Leiterin Angela Schürmann. „Wir wollen die Patienten im Blick haben anstatt einfach zu sagen: ‘Tür zu, Pflicht erfüllt.’“ Denn das seien die Vorstellung, die viele noch immer beim Gedanken an eine Psychiatrie hätten.

Erstaunlich: Offene Türen kommen laut der Klinik-Leiterin nicht bei allen Patienten gut an: „Manche haben uns gesagt: ‘Ich fühle mich sicherer, wenn die Türen zu sind.“

Für die Kliniken in Lüneburg stehe aber an erster Stelle, mit ihnen zu sprechen und sich um sie zu kümmern, anstatt sie einzusperren. Darum möchte die Psychiatrische Klinik in Uelzen auch noch einen Schritt weiter gehen und ein neues Modell etablieren, dass auf „Psychiatrie auf Augenhöhe“ basiert. „Wir sprechen mit den Patienten über ihr Verhalten und das, was auf den Stationen passiert“, erklärt Dr. Ulrike Buck. Durch den Austausch mit dem Pflegepersonal und anderen Patienten könne das eigene Verhalten reflektiert und geändert werden, was den Heilungsprozess fördert.

Von Sandra Hackenberg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare