20-Pfennig-Briefmarke trägt das Datum des 16. Dezember 1965

50 Jahre alte Postsendung erreicht ihr Ziel

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Edelgard Claus zeigt die kleine Schallplatte mit den Wiegenliedern, die 50 Jahre brauchte, um an ihr Ziel zu gelangen – ihre inzwischen verstorbene Mutter hatte sie am 16. Dezember 1965 an Enkeltochter Susanne geschickt.

Uelzen-Oldenstadt. Briefe, Postkarten und Päckchen haben in den vergangenen Tagen länger als sonst zu ihren Adressaten gebraucht – bei der Post wurde gestreikt. Dass aber ein Umschlag fast 50 Jahre auf dem Weg ist, bis er seinen Empfänger erreicht, das ist dann doch eher ungewöhnlich.

Aber nicht unmöglich, wie Edelgard und Wilfried Claus aus Oldenstadt jetzt wissen: Eine Briefsendung an ihre Tochter Susanne hat fünf Jahrzehnte gebraucht, bis sie jetzt ankam. Der Poststempel auf der 20-Pfennig-Briefmarke trägt das Datum des 16. Dezember 1965.

„Du hast Post von Oma“, habe er seiner Tochter – mit 51 Jahren ist die natürlich längst aus dem Haus – vor ein paar Tagen am Telefon verkündet, berichtet Wilfried Claus. Dass seine Tochter ihn zunächst nicht ganz ernst genommen hat, konnte er ihr nicht einmal verübeln. Schließlich ist die Oma längst gestorben. Umso berührender war es, ihre feine Handschrift auf dem vergilbten Briefumschlag zu lesen. Einem Briefumschlag, den sie vor fast 50 Jahren mit einer Schallplatte darin an ihre Enkeltochter Susanne losgeschickt hatte.

Wie genau die Postsendung bei ihnen in Oldenstadt ankam, kann sich das Ehepaar Claus, beide sind inzwischen 74 Jahre alt, gar nicht so recht erklären. „Als ich neulich im Lottoladen stand“, sagt Wilfried Claus, „fragte mich die Inhaberin, ob ich Susanne Claus kennen würde.“ Natürlich, das sei seine Tochter, erklärte er. „Dann habe ich was für sie“, lächelte die Frau im Lottoladen und händigte ihm besagten Umschlag aus. Und Wilfried Claus weiß noch genau: „Die Handschrift meiner Schwiegermutter habe ich sofort erkannt.“

Ein Mann, so um die 60, weiß er inzwischen, habe wohl den Umschlag im Lottoladen abgegeben. Wie der heiße, wisse er nicht, sagt der Oldenstädter. Und auch die weiteren Umstände der lang gereisten Postsendung seien ihm rätselhaft.

„Die muss irgendwo versteckt gewesen sein“, zuckt er mit den Schultern. Seine Frau ergänzt: „Auf jeden Fall war sie gut gelagert – da ist ja nichts dran.“

Drin ist auf jeden Fall eine Schallplatte mit Wiegenliedern: Mozarts „Schlafe mein Prinzchen“ und Brahms’ „Guten Abend, gute Nacht“. „Es könnte sein, dass meine Mutter und ich damals bei einer Werbe-Aktion mitgemacht haben, um für Susanne diese Platte zu bekommen“, versucht Edelgard Claus sich an die Geschehnisse vor 50 Jahren zu erinnern. „Da gab es dann wohl diese Platte als Werbegeschenk...“ Die Platte wurde an die Oma geschickt, und die sandte sie weiter an ihre Enkelin – damals gerade mal ein halbes Jahr alt. Dass die Wiegenlieder nie ihr Ziel erreicht haben, das sei Edelgard Claus gar nicht so bewusst geworden. „Wir haben uns wohl irgendwann gedacht: Da kommt jetzt nichts mehr.“

Für Edelgard Claus’ Tochter Susanne hat die alte Postsendung einen besonderen Wert und wird bei ihr ein Ehrenplätzchen bekommen. „Das ist ein schönes Andenken an Oma, hat Susanne gesagt“, lächelt Mutter Edelgard. Hinein gehört in die Wiegenlieder haben die Claus’ aber bislang noch nicht. Wie auch? „Wir haben gar keinen Plattenspieler mehr...“

Von Ines Bräutigam

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