3. Oktober – Zeit der Zeitzeugen

Wenn in der Redaktion über Themen zum 3. Oktober gesprochen wird, dann prallen am Konferenztisch zwei Generationen aufeinander.

Da sind die Kollegen, die dabei waren damals, als Deutschland offiziell wieder vereinigt wurde und die die turbulenten Monate davor hautnah erlebt haben – auf verschiedenen Seiten der innerdeutschen Grenze.

Und dann sind da die jungen Kollegen, die die engagierte Diskussion mit großen Augen verfolgen, Erinnerungen, die für sie wie aus einer anderen Epoche klingen. Für diese Journalisten, Jahrgang 1990 und später, gibt es nur ein Deutschland. Sie kennen nur den Euro als Währung und Selbstschussanlagen an den Grenzen eines geteilten Deutschlands haben sie nur in ihren Geschichtsbüchern gesehen.

Wie selbstverständlich gibt es heute die Altmark-Zeitung in den Landkreisen Salzwedel und Stendal als Schwesterblatt der Allgemeinen Zeitung in Uelzen, Tausende Pendler aus Sachsen-Anhalt fahren täglich in die Lüneburger Heide, der Zug zwischen Uelzen und Salzwedel braucht nicht einmal eine halbe Stunde.

Wenn ich heute mit dem Auto zwischen den beiden Kreisstädten pendele, dann fällt der Blick kurz vor Bergen automatisch auf die große, meterhohe hellgraue Betonstele am Straßenrand, in der früher das Wappen der DDR prangte.

Und so hat jeder seine ganz eigenen Erinnerungen an eine aufwühlende Wendezeit, die nun schon ein Vierteljahrhundert zurückliegt, die eigentlich längst Geschichte ist und die doch bei jedem, der sie erlebt hat, noch so nah ist.

So ganz nebenbei ist die Generation der heute über Vierziger Zeitzeuge geworden. Und gerade für uns in der ehemaligen Grenzregion ist der gestrige 3. Oktober weitaus mehr als ein Feiertag – er sollte uns Anlass geben, einmal innezuhalten. Er kann, bei allen Widrigkeiten, die es heute als Überbleibsel der deutschen Teilung gibt, Anlass sein, darüber nachzudenken, wie sehr sich Deutschland, wie sehr sich Europa verändert hat. Während wir immer noch über holprige Entwicklungen im Einigungsprozess lamentieren, hat sich die Welt ein Vierteljahrhundert lang weitergedreht. Und die jungen Kollegen belegen das durch ihr Staunen, mit dem sie unseren Schilderungen lauschen.

Wir sind jetzt Zeitzeugen. Und statt zu schimpfen, weil manches noch nicht rund läuft, sollten wir erzählen. Von der Ortschaft Waddekath, zwischen Wittingen und Dähre und damals direkt an der Grenze gelegen, wo man heute noch letzte Reste der Sperranlagen sieht. Vom Grenzmuseum in Bad Bodenteich, vom Wachturm, der noch an der Bundesstraße von Salzwedel nach Lüchow steht.

Und wir sollten stolz sein, auf das was wir erreicht haben in diesen Jahren seit 1989. Denn wer mit offenen Augen durch Heide und Altmark geht, wird feststellen, wie viel Entwicklung es gegeben hat, wie viel reicher in vielerlei Hinsicht unsere Region geworden ist, die plötzlich mitten in der Europäischen Union liegt.

Von Thomas Mitzlaff

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare