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Führerschein: Fahrschulen im Kreis Uelzen wollen besser auf Analphabeten eingehen

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Von: Steffen Kahl

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Aus Buchstaben wird bei Menschen mit funktionalem Analphabetismus nicht gleich Salat, aber manch einer kann sich an den ersten Satz nicht mehr erinnern, wenn er den zweiten liest.
Aus Buchstaben wird bei Menschen mit funktionalem Analphabetismus nicht gleich Salat, aber manch einer kann sich an den ersten Satz nicht mehr erinnern, wenn er den zweiten liest. © Archivfoto: dpa

Uelzen. Die Fahrschulen im Landkreis wollen die Analphabeten unter den Führerschein-Kandidaten noch besser ausbilden. Und wer denkt, dass es sich dabei um eine kleine Zielgruppe handelt, täuscht sich: Knapp zehn Prozent der Bevölkerung sind betroffen – im Landkreis Uelzen handelt es sich um 7500 Menschen.

Joachim Hess
Joachim Hess © Privat

Dies lernten die hiesigen Fahrlehrer jetzt bei ihrer jährlichen Kreisversammlung in der Uelzener Kreisvolkshochschule. Zu dieser hatte Joachim Hess, Uelzener Kreisvorsitzender des Fahrlehrerverbandes Niedersachsen, eingeladen. Die Fahrschul-Mitarbeiter informierten sich zusammen mit dem Leiter der Führerscheinstelle Til Denecke und dem Teamleiter Fahrerlaubniswesen beim TüV-Nord Claus Etzler insbesondere über die Probleme von Menschen mit funktionalem Analphabetismus. Funktionaler Analphabetismus bedeutet, dass man zwar grundsätzlich lesen und schreiben kann, diese Techniken aber nur unterdurchschnittlich gut einzusetzen in der Lage ist. Oder, wie es Hess im AZ-Gespräch anschaulich darstellt: „Die Menschen können lesen, vergessen aber den ersten Satz beim Lesen des zweiten.“ Diese Kunden bräuchten viel Zuwendung, eventuell auch Nachhilfe. „Und etliche brechen den Theorieunterricht frustriert ab“, berichtet Hess. Zudem trauten sich viele auch gar nicht erst in den Unterricht.

Hess sieht hier kein vordergründiges finanzielles Interesse, sondern einen gesellschaftlichen Auftrag, denn: „Der Führerschein ist oft der Sprung, um einen Job aufnehmen zu können. Sei es als Müllwerker, Kurier- oder Taxifahrer.“

Dass Analphabeten den Verkehr gefährden würden, glaubt Hess indes nicht: „Der Straßenverkehr ist grundsätzlich so organisiert, dass man nicht lesen muss.“ Dies merke man auch daran, dass man mit dem Auto auch im Ausland grundsätzlich zurechtkomme.

Auf ihrer Kreisversammlung lernten die Teilnehmer durch die persönlichen Schilderungen von Betroffenen, durch weitere Erläuterungen und Rollenspiele auch sehr direkt, mit was für Schwierigkeiten Analphabeten zu kämpfen haben. Beispielsweise hinsichtlich der rechtlichen Situation im Zusammenhang mit der theoretischen Prüfungen und der oft sehr großen Hemmschwelle dieser Personen, Behörden oder auch Fahrschulen aufzusuchen.

Die Teilnehmer erhielten noch ein Zertifikat und Joachim Hess hofft nun, dass sich möglichst viele Betroffene an den Führerschein heran trauen. Er empfiehlt Anrufe bei den Fahrschulen, um zu klären, ob man dort vernünftig betreut wird. Denn eins verheimlicht er auch nicht: Es hätten sich noch mehr Fahrschulen informieren können.

Von Steffen Kahl

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