Sozialpädagogin Pia Doerr betreut die Bewohner der Uelzener Obdachlosenunterkunft im „Böh“

Offenes Ohr für „Systemsprenger“

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Für die persönlichen Gespräche zwischen Pia Doerr und den Bewohnern im „Böh“ wurde in einer ehemaligen Wohnung auf dem Gelände ein Beratungsraum eingerichtet.

Uelzen. Für den Großteil der Gesellschaft sind die Bewohner der Uelzener Obdachlosenunterkunft, dem „Böh“, Außenseiter.

Für Pia Doerr, die seit Beginn des Jahres täglich Zeit mit ihnen verbringt, sind es Menschen, die Respekt verdienen: „Es sind Systemsprenger, die im normalen Leben anecken und nicht recht in die Gesellschaft passen. “.

Doch die Sozialpädagogin hört ihnen zu, spricht mit ihnen über Alltägliches, und hilft ihnen bei Problemen. Die sind häufig psychischer Natur. „Psychische Erkrankungen haben hier eine ganz eigene Dynamik“, bestätigt die 56-Jährige. Das ist auch der Grund, warum die Greyer-Stiftung zusammen mit der Stadt Uelzen seit dem Weggang von Reinhard Richert, der „guten Seele“ im „Böh“ (AZ berichtete), die Stelle für die Sozialpädagogin finanziert. Pia Doerr ist täglich drei Stunden vor Ort, betreut den Gemeinschaftsraum und führt Gespräche in einem Beratungszimmer, das vor Kurzem extra zu diesem Zweck eingerichtet wurde.

Pia Doerrs Stelle ist vorerst auf ein Jahr befristet. „Doch wir haben beantragt, dass das Projekt weiter gefördert wird“, sagt Daniela Faber vom Verein Lebensraum Diakonie. Beständigkeit sei für die Bewohner wichtig. „Bei all den Verlusten, die sie erlebt haben, haben sie Angst, auch den Rest zu verlieren.“

Das Vertrauen der Menschen im „Böh“ – 25 von 26 Bewohnern sind männlich – zu gewinnen, habe Zeit gebraucht. „Anfangs waren sie skeptisch“, erzählt Pia Doerr. „Doch sie haben schnell Vertrauen gefasst.“ Mittlerweile würden einige sogar eine Art Beschützerrolle einnehmen, wenn ein Konflikt aufkommt. „Aber bisher ist nie eine Situation eskaliert.“

Das Wichtigste sei, die Bewohner so anzunehmen, wie sie sind und ihnen zu sagen: „Du bist nicht falsch, ich bestrafe dich nicht.“ Pia Doerr muss aber auch klare Grenzen setzen. „Es gibt Regeln, an die sich jeder halten muss“, erklärt sie. „Wenn jemand so viel Alkohol getrunken hat, dass er nicht mehr sozial verträglich ist, sage ich ihm, dass es für heute reicht und er morgen wieder zum Reden kommen kann.“

Die Sozialpädagogin versucht, den Bewohnern zu zeigen, dass sie Fähigkeiten und Möglichkeiten haben, auch wenn sie fast alles verloren haben – und dass sie nicht resignieren oder in der Opferrolle verharren. „Aber man kann niemanden zwingen, alles ist freiwillig.“

Das sozialpädagogische Angebot vor Ort sei der erste Schritt. „Aber wir bräuchten mehr Menschen – Ehrenamtliche und Projektstudenten – die sich mit den Bewohnern beschäftigen, ihren eigenen Alltag und so ein Stück Normalität ins „Böh“ bringen“, erklärt Daniela Faber. „Wir wollen eine Brücke zwischen dem ‘Böh’ und der Gesellschaft schlagen.“

Nur so hätten die Bewohner, die teils seit vielen Jahren im „Böh“ leben, das Gefühl, auch Teil der Gesellschaft zu sein. Wer helfen will, kann sich bei Pia Doerr unter (01 76) 56 74 83 59 melden.

Von Sandra Hackenberg

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