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Neuland: Sein oder Nicht-Sein

Die Betroffenheit steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Ein bisschen Mitleid ergreift den Berichterstatter im Gespräch mit den beiden Vorständen des Neuland-Vertriebs Nord in Bad Bevensen. Da sind zwei Landwirte, die sich aus Überzeugung seit Jahren dem Programm für artgerechte Nutztierhaltung verschrieben haben.

Und nun müssen Gerhard Bohm und Martin Schulz den Skandal um falsch deklariertes Hähnchenfleisch ausbaden, in dem sie sich nichts haben zuschulden kommen lassen.

Es ist die schwerste Krise in der über 25-jährigen Geschichte von Neuland. Und es geht um Sein oder Nicht-Sein – nicht nur für die 32 Beschäftigten in Verwaltung und Zerlegebetrieb in Bad Bevensen, sondern auch für die 130 Gesellschafter, überwiegend Landwirte, die nach den Neuland-Regeln Fleisch erzeugen. Dass die Trägerverbände – die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), der Deutsche Tierschutzbund und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) – es ernst meinen, beweist das Drei-Tage-Ultimatum zur Entlassung des Geschäftsführers, das den Bevensern gestellt wurde. Bei Neuland Süd griff die Drohung: Der Verein entzog der Vermarktungsgesellschaft die Lizenz.

Dass der Trägerverein hart durchgreift, ist der richtige Schritt, auch wenn selbstverständlich für den Geschäftsführer von Neuland Nord die Unschuldsvermutung gilt. Trotzdem kommt dieser Schritt, mit dem man verloren gegangenes Verbrauchervertrauen zurückgewinnen will, viel zu spät.

Außerdem kann der Verein die Verantwortung nicht allein auf die Vermarkter abschieben. Ist es doch geradezu erschütternd, wie gutgläubig der Neuland-Verein war. Der Verbraucher darf aber davon ausgehen, dass eine Marke, für die er aus moralischen Gründen mehr bezahlt, auch kontrolliert wird. Denn die Neuland-Idee ist so aktuell wie nie.

Von Gerhard Sternitzke

Rubriklistenbild: © Schmidt, Malte

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