Fehlende Rampe, weniger Platz im Zug: Was das für Rollstuhlfahrer bedeutet

Neuer Metronom-Zug – Neue Barrieren

Im Metronom-Zug der neuen Generation ist der Zustieg und das Rangieren im Waggon für Rollstuhlfahrer nicht mehr so einfach, wie Kathrin D. erfahren musste.
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Im Metronom-Zug der neuen Generation ist der Zustieg und das Rangieren im Waggon für Rollstuhlfahrer nicht mehr so einfach, wie Kathrin D. erfahren musste.
  • Norman Reuter
    VonNorman Reuter
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Kathrin D. ist erbost. Sie sitzt im Rollstuhl, und Fahren mit einem neuen Zugtyp in der Metronom-Flotte ist schwieriger geworden. In den neuen Waggons ist weniger Platz, und es fehlt die elektronische Rampe. Ihr geht´s ums Grundsätzliche: Dass ein neuer Zugtyp designt und in den Dienst gestellt worden sei, der Probleme für Menschen mit Handicap schaffe.

Uelzen/Bremen – Der Landesnahverkehrsgesellschaft (LNVG) ist es eine Pressemitteilung wert. Neue Doppelstockzüge werden für die Uelzener Eisenbahngesellschaft Metronom in den Dienst gestellt. Eine neue Generation von Schienenfahrzeugen verkehrt zwischen Bremen, Hamburg und Hannover im sogenannten Hansenetz. Seit Mitte Juli ist ein erster solcher Zug in der Metronom-Flotte im Einsatz. Die LNVG verweist auf eine moderne Ausstattung und auf großzügige Sitzabstände. Bei Kathrin D. löst das keine Begeisterungsstürme aus, vielmehr steigt Wut in ihr auf. „Ich bin auf 180, seit Wochen“, sagt sie der AZ.

Eine Krankheit zwingt Kathrin D. in den Rollstuhl. Seit 2013 ist sie auf ihn angewiesen. Unterkriegen lässt sie sich nicht. Sie will mobil bleiben, nutzt ein sogenanntes Handbike, das sich an den Rollstuhl montieren lässt, um zügig voranzukommen. Sie nutzt auch Züge – nur mit der neuen Generation in der Metronom-Flotte ist das nicht mehr so einfach.

D. will am 20. Juli vormittags in Bremen in den Metronom-Zug der neuen Generation in Richtung Hamburg steigen. „Früher hat es eine elektronische Rampe gegeben. Die konnte der Zugbegleiter herablassen, damit Menschen im Rollstuhl in den Wagen kommen“, erklärt sie. Im neuen Zug ist das anders.

Das Personal hat eine mobile Rampe aus einem Schrank zu holen, zu entfalten und am Einstieg anzubringen. „Ich wurde gebeten, einen späteren Zug zu nehmen“, berichtet Kathrin D. Denn: Die erste Zugbegleiterin erklärte, sie habe noch keine Einweisung in die Technik erhalten, die Zweite verwies auf Rückenbeschwerden. Gut 30 Minuten hätte D. auf den nächsten Zug warten müssen.

Eine elektronische Rampe gibt es nicht mehr. Jetzt muss Zugpersonal eine Faltrampe am Einstieg anlegen.

Der Zugführer schließlich hilft. Mit ihr an Bord und gut 15 Minuten Verspätung rollte der Zug aus dem Bahnhof. Die in Uelzen ansässige Eisenbahngesellschaft Metronom erklärt, dass es eine Dienstanweisung zum Umgang mit der neuen Faltrampe gebe. Eine Sprecherin erklärt auch: „Das Personal wurde entsprechend eingewiesen.“ Wann das der Fall war, dazu gibt es keine Aussage.

Näheres zur Frage, warum Kathrin D. gebeten wurde, einen späteren Zug zu nutzen, könne das Unternehmen nicht sagen, da nicht der genaue Zug bekannt sei. Klar ist indes: Das ist kein Einzelfall.

Im vergangenen Jahr war, wie berichtet, im Uelzener Bahnhof ein Mann mit halbseitiger Lähmung, der wegen eines defekten Fahrstuhls nicht vom Gleis kam, gebeten worden, bis zum nächsten Haltepunkt zu fahren, dort in einen anderen Zug in die Gegenrichtung zu steigen, der an einem anderen Gleis halten sollte. Er folgte den Ausführungen, strandete aber wieder am selben Gleis.

Kathrin D. betont: Ihr gehe es nicht darum, das Zugpersonal zu kritisieren. „Das tat, was es konnte, es war sehr hilfsbereit.“. Ihr geht es ums Grundsätzliche: Dass ein neuer Zugtyp designt und in den Dienst gestellt worden sei, der Probleme für Menschen mit Handicap schaffe.

Die LNVG erklärt: Die elektronische Rampe ist deshalb nicht mehr im neuen Zugtyp zu finden, weil der Platz anderweitig benötigt wird. Zwischen Bahnsteigkante und Einstieg des Zuges klafft ein Spalt – im „ungünstigsten Fall“ ist dieser 25 Zentimeter breit. Damit niemand ins Leere tritt, wurden nun „automatische Schiebetritte“ eingebaut.

Allein die Rampe ist es nicht, die Kathrin D. auf die Barrikaden treibt. In bisherigen Zügen sei in Waggons für Rollstuhlfahrer ausreichend Raum gewesen, weil mit Klappsitzen gearbeitet worden sei. Jetzt sei nur noch für maximal zwei Rollstuhlfahrer gleichzeitig Platz. Aus ihren Erfahrungen heraus könnte das künftig zum Problem werden, meint Kathrin D. Und dann ließe sich der Rollstuhl auch kaum noch im Zug rangieren. Nun, sie hatte an diesem Tag das Handbike montiert, aber es gebe auch noch Pflegerollis, die größer ausfielen. „Es ist zu wenig Platz.“

Die LNVG indes erklärt: „Bisher hatten unsere Steuerwagen keinen normgerechten Rollstuhlplatz, sondern nur einen Mehrzweckbereich.“ Den mussten sich Menschen mit Handicaps mit Kinderwagen und Fahrrädern teilen. Was die festverbauten Sitze betrifft, so wird auf eine EU-Verordnung verwiesen. Demnach haben Begleitpersonen einen Anspruch auf einen festen Sitzplatz – „der Klappsitz reicht hier nicht aus“, so ein LNVG-Sprecher.

Kathrin D. wundert sich, und findet, darüber muss gesprochen werden. „Wenn jetzt Züge gebaut oder modernisiert werden, dann darf das nicht so weitergehen“, zeigt sie sich kämpferisch. Die LNVG selbst räumt aber auch ein, dass mit Blick auf Rollstuhlfahrer Handlungsbedarf in der neuen Zuggeneration besteht. Was das Rangieren im Zug betrifft, so teilt die LNVG mit: „Bei den neuen Steuerwagen suchen alle Beteiligten derzeit nach Lösungen, um die Rollstuhlplätze besser zugänglich zu machen. Auch die modernisierten Steuerwagen werden wir noch einmal überarbeiten, um eine bessere Zugänglichkeit zu erreichen.“

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