Das Netz mobilisiert Massen und setzt die Polizei unter Druck

Wenn ein Junge in Uelzen verschwindet...

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So suchte die Uelzener Familie öffentlich nach ihrem Jungen – der Aufruf wurde fast 200.000 Mal geteilt und führte schließlich zum Aufgreifen des Zehnjährigen.

Uelzen. Sonntagfrüh um 10.14 Uhr sendet die Mutter eines zehnjährigen Jungen über Facebook einen Hilferuf: „Suche meinen Sohn (…), er ist letzte Nacht zwischen 23 und 6 Uhr verschwunden (…) Raum Uelzen“.

Gestern Mittag dann große Erleichterung bei Eltern und Polizei: Das Kind ist offenbar wohlbehalten wieder aufgetaucht. Und der Fall des Uelzener Jungen zeigt, welche Eigendynamik eine solche Suche im Zeitalter sozialer Netzwerke bekommen kann.

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„Wenn uns ein Kind als vermisst gemeldet wird, dann werden wir selbstverständlich sofort tätig und sind besonders sensibilisiert“, sagt Kai Richter, Pressesprecher der hiesigen Polizei. Als erstes gelte es die Gesamtumstände zu bewerten. Im Fall des zehnjährigen Uelzeners halten die Beamten ein Gewaltverbrechen für wenig wahrscheinlich. Denn der Junge hat einen Brief hinterlassen. Er halte sich bei einem „super Partner“ auf und werde sich regelmäßig melden.

Während die Polizei intensiv das Umfeld vor allem nach dem „super Partner“ absucht, bei dem es sich um einen etwa 60 Jahre alten Mann handeln soll, wachsen Montagvormittag im sozialen Netzwerk die Spekulationen ins Uferlose. Es sei unfassbar, dass die Polizei erst nach 24 Stunden tätig werde, heißt es da unter anderem unwidersprochen. Auch Kindesmissbrauch ist zu diesem Zeitpunkt längst ein Thema. „Das klingt so furchtbar alles“ - „wann hört das endlich auf?“, schreiben Diskussionsteilnehmer.

Doch die Polizei bleibt defensiv. Denn dieser Fall ist anders als etwa der der fünfjährigen Inga aus Stendal, die spurlos in einem Wald verschwand. Der Uelzener Junge dagegen ist von Zuhause weggelaufen; ein großer Unsicherheitsfaktor ist allerdings der unbekannte ältere Mann.

Derweil brechen im Internet längst alle Dämme. Sowohl bei Facebook als auch unter Kindesmissbrauch.net ist der Junge zu sehen, mit vollem Namen und Porträtbild. Wenige Stichworte wie „vermisster Junge“ und „älterer Mann“ haben die Menschen elektrisiert, plötzlich gibt es tausende „Hilfsfahnder“.

„Das kann unsere Arbeit natürlich auch erschweren“, sagt Polizeisprecher Richter. „Denn so werden auch Unwahrheiten verbreitet.“ Vielfach werde nicht mehr zwischen Fakten und Gerüchten unterschieden, „da entwickelt sich dann eine teils gefährliche Parallelwelt“. Der Hilferuf der Mutter wurde zu dieser Zeit schon rund 200 000 Mal geteilt. Schließlich gibt es Montagvormittag eine Pressemitteilung der Behörde: „Kind von zu Hause abgehauen – Brief hinterlassen“.

Um 12.08 Uhr dann die erlösende Nachricht: Der Junge ist wieder da. Die Polizei hat ihn aufgegriffen. Er war tatsächlich zusammen mit dem mysteriösen „Erwin“ unterwegs. Doch der ist 73 Jahre alt und wegen Kindesmissbrauchs verurteilt. Passanten hatten in Winsen/Luhe den Jungen wegen des Facebook-Aufrufs erkannt.

„Es ist uns völlig egal, ob das rechtlich vielleicht nicht ok war. Hauptsache unser Junge ist wieder da“, erklären die Eltern anschließend gegenüber der AZ.

Von Thomas Mitzlaff

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