Einblicke in einen Multi-Kulti-Kosmos: Lernen, schlafen, essen – und hoffen auf eine Aufgabe

16 Nationen in einer Turnhalle

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Die Essensausgabe befindet sich im sogenannten Gemeinschaftsbereich der Pestalozzi-Turnhalle: Hier warten seit 20. Oktober knapp 100 Flüchtlinge auf ihre Registrierung. Es ist ein Alltag, der aus lernen, schlafen und essen besteht.

Uelzen. „Ich... bitte... um... Entschuldigung.“ Zaher Alturkmeni spricht die vier Worte schon recht zügig aus. „Jeden Tag klappt das besser“, lobt Jochen Schulze.

Zweimal in der Woche sucht der pensionierte Gymnasiallehrer die Pestalozzi-Turnhalle auf, um Flüchtlingen Deutschunterricht zu geben. Seine Schüler lernen schnell und sie sind fleißig. „Manche sitzen hier schon morgens um acht Uhr an den Tischen und büffeln“, schildert DRK-Mitarbeiter Björn Busenius. 16 Nationen sind in der Turnhalle untergebracht. 94 Menschen, vor allem junge Männer. Ein eigener Multi-Kulti-Kosmos mitten im Stadtteil Königsberg.

Der pensionierte Gymnasiallehrer Jochen Schulze unterrichtet zweimal wöchentlich syrische Flüchtlinge, darunter der 27-jährige Zaher Alturkmeni (3.v.r.).

94 Menschen und jeder hat eine eigene Geschichte. Da sind die Syrer, von denen die meisten allein geflohen sind vor den Bomben in ihren Heimatstädten. „In der LeG-Halle lebt einer, der immer noch Granatsplitter in seinem Körper hat“, schildert Busenius. Fast jeder kann die Namen von Freunden und Verwandten sagen, die im Krieg umgekommen sind.

Hier in der Pestalozzi-Halle heißt es vor allem: Essen, schlafen, Deutsch lernen, ein bisschen Tischtennis spielen und irgendwie die Zeit totschlagen. Alle zwei bis drei Tage mal in die Stadt oder einen Supermarkt ansehen. Und am Sonnabend auf den Uelzener Wochenmarkt – davon schwärmen sie. Die meisten der Syrer haben ein abgeschlossenes Studium hinter sich oder besuchten noch die Hochschule, als der Krieg in der Heimat die Zukunftspläne zunichte machte. „Es geht uns gut hier in der Halle“, beteuert Zaher Alturkmeni. „Und hier in Uelzen sind die Menschen sehr zuvorkommend.“

Plastikplanen für etwas Intimsphäre: Der Schlafbereich in der Pestalozzi-Halle. In einer Kabine schlafen fünf Menschen.

Jetzt möchten sie arbeiten, eine Aufgabe haben. „Ich möchte die Gesellschaft hier bereichern“, formuliert es Zaher in fließendem Englisch. Doch das Registrierungsverfahren durch das Land zieht sich hin, deshalb haben sie am Mittwoch vor dem Uelzener Kreishaus ihr Anliegen vorgebracht. Eine Demonstration möchten sie das nicht nennen, „denn wir haben uns hier nicht zu beschweren“. Es sind die vielen Ehrenamtlichen, die den Alltag in der Sporthalle am Laufen halten. Sei es bei der Essensausgabe, sei es im Arztzimmer, wo Uelzener Haus- und Zahnärzte freiwillig Sprechstunden anbieten, seien es Deutsch-Lehrer wie Jochen Schulze oder Schüler der Abiturjahrgänge beider Uelzener Gymnasien.

Ortswechsel, die Lessing-Halle. Zwölf Nationalitäten, deutlich mehr Familien und Kinder. Der Alltag ist perfekt organisiert. „Die Reinigungskraft muss lediglich die Seifenspender auffüllen. Alles andere wird hier in Eigenregie erledigt“, schildert Busenius. Flüchtlinge helfen bei der Essensausgabe, sogar für die Reinigung der Flusensiebe in den Waschmaschinen ist ein Bewohner eingeteilt.

Fast alle Väter sagen Ähnliches: Sie wollen ihren Familien ein Leben ohne Bomben bieten. „Sie sollen fleißig sein, die Sprache lernen und hier in Frieden leben“, sagt etwa Mahamed Mustafa (35) aus dem syrischen Aleppo. Begeistert haben derweil die jungen Syrer gehört, dass es in Uelzen sogar ein Schwimmbad gibt. Jetzt haben sie einen Traum: Einmal beim Baden Ablenkung zu finden.

Von Thomas Mitzlaff

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