Nachts, irgendwo im Wendland

Eine fast schon gespenstische Szenerie, irgendwo auf dem Bahngleis zwischen Lüneburg und Dannenberg: Polizisten bewachen Demonstranten, die sich auf die Schienen vorgewagt haben.

Uelzen/Gorleben - Von Thomas Mitzlaff. Irgendwann zwischen dem dritten und vierten Einsatztag auf den dunklen und unübersichtlichen Waldwegen im Wendland geht das Gefühl für die Zeit verloren. Eine Mütze Schlaf im Mannschaftsbus, dann wieder raus. Es ist kurz nach ein Uhr in der Nacht zu Montag, der Einsatzzug des Uelzener Oberkommissars Christan Weiß soll mit die 3500 Menschen aus der Blockade wegtragen, die seit den Abendstunden bei Harlingen durch eine Sitzblockade die Weiterfahrt des Castor-Zuges nach Dannenberg verhindern.

Den Polizisten bietet sich vor Ort ein Bild, das nicht ohne Eindruck bleibt. „Das war schon gewaltig“, sagt der 40-Jährige, der seit Ende der 90er Jahre jeden Castor-Transport mitgemacht hat. Und er teilt mit vielen seiner Kollegen und Beobachtern den Eindruck, dass der Widerstand gegen die Atommülltransporte noch nie so massiv war.

Die Sitzblockade auflösen – das ist für die vielen Hundertschaften leichter gesagt als getan. Denn der betroffene Schienenabschnitt ist schwer zugänglich, „das war ein weiter Weg dahin“, schildert Weiß. Und erst recht zurück, zur Gewahrsamsstelle. Der erste Demonstrant lässt sich von Weiß und einem Kollegen an den Fotografen vorbei tragen, „als kein Journalist mehr in der Nähe war, ist er selbst gegangen“, erinnert sich der Oberkommissar. Als zweites trägt er ein junges Mädchen, „ein drittes Mal hätte ich noch gehen können, aber dann wäre Schluss gewesen“, schildert der Zugführer. Doch soweit kommt es nicht, die nächsten Hundertschaften als Ablösung rücken an.

Für Weiß und seinen 30-köpfigen Zug ist nach über 24 Stunden Einsatz Schlaf angesagt. Doch auch die Fahrt zum Quartier in der Lüneburger Theodor-Körner-Kaserne zieht sich hin. Trecker und Einsatzfahrzeuge verstellen die Straßen, „da braucht man gefühlte drei Stunden für sechs Kilometer“, sagt der Oberkommissar.

Montagfrüh um sechs Uhr liegt er schließlich im Bett, am Mittag ist wecken. Doch manche Kollegen sind ohnehin schon wieder wach – die Bilder dieses Einsatzes kann man nicht einfach so aus dem Kopf verdrängen. Für den Zug von Christian Weiß geht es wieder zurück ins Wendland, Verkehrsregelung ist angesagt.

Ein Job, den die Einheit gerne übernimmt und für den sie gerne genommen wird von der Einsatzleitung. „Die Hälfte von uns kommt von hier und ist ortskundig“, sagt der Uelzener. Was bleibt, ist die Vorfreude auf das Ende des Castor-Transportes – und die Rückkehr ins normale Leben.

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