Kolumne: Gedanken zu Heute

Nachruf auf einen Nachruf

Katholiken pflegen da eine Einrichtung, die es ihnen erlaubt, Verstorbener und deren Lebens(werkes) immer neu zu gedenken: Angehörige können jährlich oder wann immer eine Gedenkmesse bestellen.

Hans-Helmut Decker-Voigt

Keine Gedenkmesse von einer halben Stunde, sondern gleich etliche Stunden des letzten Wochenendes wurde jetzt Reinhard Schamuhns gedacht, der vor fünf Jahren starb – und all dessen, was seinen Umgang mit Normalem, Gewöhnlichem, Erwartetem, Alltäglichem ausmachte. Und seit 30 Jahren wirkt. Alles sollte verrückt im Sinne von ver-rückend bei ihm sein. Das Meiste wurde es auch. Den Göttern im Himmel seines Theaters an der Rosenmauer sei Dank: dem Neuen Schauspielhaus (NSH). Doch bleiben wir auf dem Teppich beziehungsweise den Brettern, die die Welt bedeuten: Es ist ein altes Häuschen mit „Kleinkunst“. Doch was Heinrich Böll beschrieb – im kleinsten Dorf lebe sich Leben nicht anders als im Moloch Großstadt – gilt auch hier: In der Kleinkunst findet sich alles, was auch die große ausmacht.

Am Wochenende wurde Schamuhn nachgerufen, nachgeflüstert, vorgespielt und vorgesungen. Offiziell mit Land- und anderen Räten, spielerisch mit Künstlern und Weggefährten, und alle – Offizielle wie Künstlerische – trafen sich ganz offensichtlich und offen hörbar darin, dass sie anlässlich von Schamuhns Leben und Erbe auf das Ver-Rückte im Leben nicht mehr verzichten wollen.

Man vergleiche die preußische Vorstellung vom Menschen, der exakt heute vor 100 Jahren in den Krieg 14-18 zog oder gezogen wurde. Am 7. August 1914 endete die Mobilmachung, dessen globale Verrücktheit nicht erkannt wurde – wegen des tierischen Ernstes seiner kaiserlich-militärischen Betreiber.

Schamuhn machte es umgekehrt: Hinter seinen Rollen als verrücktes Huhn, als Narr an den Höfen des Kreises und der Stadt verbarg sich eben das Wissen um den Ernst des Spielens.

Dazu ein Dichter und ein Psychoanalytiker: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung Mensch ist, und er ist nur da Mensch, wo er spielt“ (Schiller).

Und der Analytiker (Donald Winniecott) predigt, dass Spielen viel zu ernst sei, als dass es allein den Kindern überlassen sein dürfe.

Über solche Zusammenhänge in unserer Region nachdenken zu können (die alten Faslam-Kenner in alemannischen Ländern tun es immer schon) danken wir dem Verrückten. Und denen, die Schamuhns Erbe (=Arbeit!) auf ihren Schultern verteilten, zum Beispiel auf denen der früheren Kern-Trias Jens Kunze (Schamuhns Meisterschüler), Conny Bettlewski, Johannes Vogt-Krause. Zum Beispiel auf Schultern, die weiter oder neu sind im Ver-Rücken des vermeintlich Normalen.

Hans-Helmut Decker-Voigt ist Professor für Musiktherapie und Schriftsteller. Seit 1980 schreibt er seine Kolumne. Er ist erreichbar unter:Prof. Dr.Decker-Voigt@t-online.de.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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